Zuerst singt die Bonner Bachgemeinschaft, mit dem Kantor der Synagogengemeinde, ein Lied aus dem Krakauer Getto: "’s brennt, Brüder, s’ brennt". Danach liest Ida Ehre die "Todesfuge" Paul Celans mit den Zeilen: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland". Es folgt Philipp Jenningers Gedenkrede. Auf diese Gedenkstunde aus Anlaß der fünfzigsten Wiederkehr der Reichspogromnacht (ein Begriff, der die NS-Wortprägung "Reichskristallnacht" ablösen soll) hat sich der Ältestenrat des Parlaments geeinigt – nach langem Hin und Her, das selber symbolisch anmutet. Zwischendurch wollte Jenninger zurücktreten, im Laufe der Debatte um die richtige Feier ist viel Vertrauen, das zumindest im Ältestenrat unter den Parteien herrscht, zerstört worden. Geblieben ist: eine Peinlichkeit.

Die Anregung zur Gedenkstunde kam von außen, von Heinz Galinski. Am 6. Juni schlug er Jenninger vor, die Repräsentanten der Bundesrepublik sollten doch im November redend über das Verhältnis der Deutschen zu den Juden nachdenken. Jenninger konnte ihn so verstehen: Galinski war bereit, als Vorsitzender des Zentralrates der Juden selber einige Worte im Bundestag zu sagen.

Jenninger beschied Galinski, er werde sich mit den Fraktionen besprechen, wann und wie Bonn des 9. November 1938 gedenken werde. Im nachhinein deuten seine Mitarbeiter an, in der Union sei der Bundestagspräsident auf geringes Verständnis gestoßen. Tenor: Was soll so eine Feier? Und wieso Galinski? Jenninger zog daraus einen Schluß, der ihm leicht fiel: Er selber würde die Gedenkrede halten. Ein vertretbarer Entschluß, der aber offenkundig mit einigem schlechten Gewissen verbunden war. Es wäre ja ein leichtes gewesen, Galinski vom Geplanten zu informieren. Das unterblieb. Galinski fragte im September nach. Erst jetzt rückte Jenninger mit der Sprache heraus. Nichts mehr als eine Unhöflichkeit?

In die Bredouille geriet Jenninger, weil die Grünen wieder Galinski ins Spiel brachten. Aus der FDP ist jetzt zu erfahren, daß auch Wolfgang Mischnick von diesem Einfall angetan war. Jenninger und sein Stellvertreter Heinz Westphal dagegen beharrten darauf, der Bundestag müsse selber sagen, wie er zur deutschen Geschichte stehe und was sie für das Land bedeute.

Wer wann wie an die Reichspogromnacht erinnern sollte, war bis zu diesem Zeitpunkt intern verhandelt worden. Vorige Woche nun aber kündigten die Grünen an, sie wollten das Plenum darüber beraten lassen. Sie vermochten nicht einzusehen, weshalb in Bonn nicht möglich sein sollte, was in der Ostberliner Volkskammer möglich ist: daß ein Vertreter der Juden ebenfalls an diesem Tag das Wort ergreift.

Große Aufregung. Sorge wegen der Politisierung der Feier. Vermittlungsversuch Hans-Jochen Vogels. Die Grünen lassen sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen. Jenninger droht mit Rücktritt; er unterstellt den Grünen, sie wollten ihn zur Strecke bringen. Dann die brachiale Notlösung am Freitag im Parlament: Der Antrag der Grünen, über die Gedenkfeier zu debattieren, wird von Heinz Westphal abgeschmettert. Auch ein Politikum.

Die Union hätte sich öffentlich schwerlich gegen Galinski als Redner wehren können – dann aber hätte Jenninger als verhinderter Saboteur dagestanden. Hätte der Bundestag mehrheitlich Galinski abgelehnt – das nun wäre ein eigenartiger Beitrag zur Gedenkveranstaltung gewesen. Ein "Abgrund von Peinlichkeit" hat sich plötzlich aufgetan, schaudert ein Beteiligter noch Tage danach.

Von mangelndem Fingerspitzengefühl ist nun allseits die Rede und jeder meint damit den jeweils anderen. Aber das Gezerre um das Gedenken ist ja nur ein Auftakt. Nächstes Jahr wird die Bundesrepublik 40 Jahre alt – und gleichzeitig häufen sich die Fünfzig-Jahr-Jubiläen. Wer das eine feiern will und des anderen nur gedenken möchte, gerät zwangsläufig immer wieder unter Rechtfertigungszwang. Gerhard Spörl