Von Heinrich von Tiedemann

Der Dackel raschelt im welken Laub, der Enkel pflückt die letzten verschrumpelten Brombeeren vom Strauch, und der Großvater zitiert Nikolaus Lenau. So soll es sein, wenn ein Deutscher durch den Herbstwald geht. Gülden und purpurrot färbt der große Maler die Blätter, die pfeilförmigen der Weiden, die gewimperten der Buchen, die gezähnten der Erlen, die kreisrunden der Espen, denen das Zittern nun bald vergeht. Die Stimmung ist weihevoll, befindet man sich doch in einem Heiligtum. Dort drüben im Hag äst ein Reh, bald wird es vom Mann im grünen Rock, dessen Daimler-Benz mit Hamburger Nummer auf der Lichtung parkt, auf die Decke gelegt werden; der Hase, der sich den jungen Null-Null-Raps schmecken läßt, ahnt noch nicht, daß die Bleikugeln für ihn schon gegossen sind.

Durch die Nebel, die auf den Wiesen weiden, hat man den Dom betreten. Der Großvater überlegt, ob er den Hut abnehmen soll, den Hut, der schuld daran sein soll, daß man ihm bei Tempo hundert auf der Autobahn so oft den Vogel zeigt. Dem Enkel könnte er eine solche Ehrenbezeigung für den Wald vielleicht erklären. "Sieh mal", würde er sagen, "ein Wald ist für uns Deutsche..." "Sieh mal", sagt der Enkel und reckt den Finger, "das sieht aus wie ein A..." Tatsächlich, hoch oben, wo die Krone einer mächtigen Buche beginnt, wölbt sich ein rundes Etwas; Backenartiges. Eine Krebsgeschwulst ohne Zweifel.

"Ist der Baum krank?" "Alles ist krank", sagt der Großvater. Nun endlich kann er zur Sache kommen. Denn er fühlt sich jung und ist besorgt. "Siehst, Enkel, du das Waldsterben nicht?" All’ überall, das Elend ist zum Greifen nahe. Ade, ihr Fichten, Kiefern, Tannen. Die Thermographie hat es längst an den Tag gebracht. Der Enkel begreift endlich, warum man die Literatur Lügen strafen muß. "Du grünst nicht nur zur Sommerszeit..."! Der Großvater beschwichtigt. "Ich fahre mit Katalysator", sagt er und denkt an die DM 1200,–Steuervergünstigung.

Inzwischen hat man sich der Majestät genähert. "Quercus robur", sagt der Großvater, und weil der Enkel eine Gesamtschule besucht, fügt er, sich an unendlich eintönige Biologiestunden erinnernd, hinzu: "die Stiel- oder Sommereiche". Der Enkel ist kein Spielverderber. Sein Blick wandert den runzligen Stamm empor. Die Eiche, so erfährt er unmittelbar, sei der König der deutschen Wälder, sakrosankt schon seit Urväterzeiten, dem Gott Donar oder Thor geweiht. Ach ja, die Last der Bildung drückt. "Schon in der Bibel ist zu lesen, daß Abraham die drei Engel unter einer Eiche empfing", sagt der Großvater, "und im Buch der Richter steht zu lesen, daß Abimelech, der Sohn des Gideon, seine Mitbürger von der Notwendigkeit überzeugte, daß an die Stelle der vielen nur ein König treten solle, worauf er mit einer Schar gedungener Mörder siebzig Brüder niedermetzelte und sich unter der Eiche, die zu Sichern steht, zum König krönen ließ!"

Nun ist kein Halten mehr. Der Großvater beugt das Knie, raschelt neben dem Dackel im trockenen Laub, und er findet, was er sucht: ein Blatt mit rotem, runden Gallapfel. "Daraus", lehrt er, ganz Erzieher und gütiger Wissender, "wurde früher Tinte gemacht und damit schrieb Hölderlin: ‚Aber ihr, ihr Herrlichen! steht wie ein Volk von Titanen in der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel, der euch nährt‘ und erzog, und der Erde, die euch geboren.’"

Die Eiche stirbt, auch sie. Das stand in der Zeitung. Die Sonne schmiegt sich zwischen die Stämme am Waldesrand. Der Großvater ist voll in Fahrt. "Einst wurden die Sieger im Kampf mit Eichenlaub geschmückt; Eichenblatt und Eichel waren heraldische Symbole für Kraft, Ruhm, Edelmut und Langlebigkeit."