Von Nikolaus Piper

Sollte es noch irgend jemanden im Westen geben, der am ernsthaften Reformwillen der Sowjets zweifelt, Roland Berger gehört nicht zu ihnen. "Die Leute haben die Schnauze voll von den Ineffizienzen des Systems", schrieb der fünfzigjährige Unternehmensberater aus München am Dienstag abend vergangener Woche in sein Notizbuch.

In der Linienmaschine von Moskau nach Frankfurt erstellte der Primus im bundesdeutschen Consulting-Geschäft aus dem Stegreif eine Bilanz seiner Erfahrungen im Unternehmer-Troß, der Bundeskanzler Helmut Kohl zu Michail Gorbatschow in den Kreml begleitet hatte. Fazit des Neun-Seiten-Papiers: Die neuen Herren an der Spitze der östlichen Supermacht wollen "ganz klar eine Konvergenz der Systeme bis hin zum Abbruch der Mauer, bis hin zur echten Wirtschaftsgemeinschaft mit Europa".

Berger steht mit dieser Ansicht sicher nicht allein. Osthandelsexperten und Banker sind sich inzwischen einig, daß der Oktober 1988 eine Wende in den Wirtschaftsbeziehungen der Sowjetunion zum Westen markiert. Die Öffnung zum Kapitalismus geht inzwischen so weit, daß das Wall Street Journal schon von einer "Oktober-Revolution" sprach.

  • Innerhalb eines halben Jahres erhöhten die Sowjets ihre Auslandsverschuldung in harten Devisen um etwa ein Fünftel auf gut 42 Milliarden Dollar. Sie bleiben damit zwar weiterhin ein erstklassiger Schuldner (in der Länderliste des Institutional Investor an 21. Stelle); einen wesentlichen Teil ihres offenen Kreditspielraums haben sie damit jedoch ausgeschöpft und sind jetzt verstärkt auf eine effektive Zusammenarbeit mit dem Westen angewiesen.
  • Eine Fülle neuer Kooperationsverträge mit westlichen Firmen, darunter 34 aus der Bundesrepublik, zeigt den Willen der neuen Führung, aus der Isolation auszubrechen. Ministerpräsident Nikolai Ryschkow sagte während des Kohl-Besuchs vorige Woche: "Wir wollen und können nicht auf allen Gebieten autark sein."
  • Die Sowjetunion ist zunehmend bereit, knappe Devisen für Dienstleistungen statt für Waren auszugeben. Dies deutet auf eine ideologische Umkehr, deren Bedeutung kaum zu unterschätzen ist. Ein entscheidendes Hemmnis in der Vergangenheit war die marxistische Orthodoxie, wonach Dienstleistungen meist nur unproduktive "Zirkulationskosten" sind. Dieser Glaube unter anderem trieb die sowjetischen Manager in die verlustreiche Tonnenideologie.

Das Umdenken in Sachen Dienstleistungen könnte bald weitreichende Folgen für den Ost-West-Handel haben. Unmittelbare Ergebnisse sind Managementseminare westlicher Firmen in Moskau, Schulungskurse für sowjetische Betriebsleiter bei der Carl Duisberg Gesellschaft in Köln und der geplante Aufbau eines baden-württembergischen Managementzentrums in Leningrad.

Den bei weitem interessantesten Coup auf diesem Feld landete jedoch Roland Berger. Der Chef der Münchner Roland Berger & Partner GmbH Jahresumsatz 1987: hundert Millionen Mark) plant für den Beginn der neunziger Jahre nichts Geringeres als den Aufbau einer deutsch-sowjetischen Consulting-Firma. Fürs erste unterzeichnete er während Kohls Moskau-Besuch einen Vertrag mit der Leningrader Maschinenfabrik Leningradski Metallicheski Zavod über die gemeinsame Beratung sowjetischer Industrieunternehmen. Honorareinnahmen für Berger: zwei bis drei Millionen Mark im Jahr.