Auch Politiker, die in die Jahre kommen, lassen sich die Haare tönen; färben wäre zu radikal. Einer, der nicht mehr unter ihnen ist, jedoch noch ziemlich lange vom Himmel herunter hier unten "fensterln" wird, tat ein Doppeltes: Er kämmte seine Haare plötzlich zurück. Der vordem scharf gezogene Scheitel mußte einer ungetrennten Fülle weichen, die sich allerdings mit Hilfe fachmännischer Drangsalierung erst allmählich geschlossen nach hinten orientierte. Ein äußerst liberaler Kollege von ihm, noch lange im Amt und so oft wie möglich in der Luft, hat nach der Tönung aber den Scheitel beibehalten. Trotzdem verjüngte die Prozedur den Mann flugs um etwa fünf Jahre. Man kann auch sagen über fünf Prozent – siehe gewünschte Zahl der Wählerstimmen.

Verjüngung beginnt am Kopf. Er ist schließlich Sitz des Geistes und der Gedanken. Ob getönt oder danach wie auch immer gekämmt, vom Kopf geht es aufs Papier. Ranghohe Politker, die Minister werden, beschäftigen bekanntlich sogenannte Redenschreiber, die, soweit ihre Chefs überhaupt einen eigenen Redestil haben, diesen nachzuahmen versuchen oder bemüht sind, ihnen erst gar keinen eigenen zu beschaffen beziehungsweise das gängige Vokabular zu verewigen. Hier sind Tönungen oft zu spärlich, und die Färberei beginnt. Es braucht ja später nichts ausgewaschen zu werden.

Die deutsche Sprache ist in der Politik schlechthin zum lauten und deutlichen Verständigungsmittel geworden, das auf Originalität, Dauerpflege und Unverwechselbarkeit zugunsten der Massen-Familie "Bürger" tunlichst verzichtet. Gewisse Tönungen beim Redenschwingen soll es gelegentlich noch geben, aber nur für Lauscher, die vielleicht auch Kenner sind. In Frankreich, bei unserem Freund, hingegen verjüngt das Vergnügen am Wort, da kann die Haarfarbe bleiben, wie sie ist.