Die amerikanische Regierung hat ihren Unternehmen für 1993 kräftige Unterstützung zugesagt

Von Peter De Thier

Es handelt sich in Europa um die wichtigste wirtschaftliche Entwicklung seit dem Marshallplan. Wenn alles nach Wunsch läuft, werden zwölf unserer wichtigsten Handelspartner in vier Jahren untereinander sämtliche Handelsschranken vollständig abgebaut haben." Der amerikanische Computer-Multi IBM möchte auf alle Fälle verhindern, daß Kunden und Mitarbeiter auf dem falschen Fuß erwischt werden. In einer Serie von Sonderbeilagen in amerikanischen und europäischen Zeitungen setzen sich Spitzenmanager des drittgrößten amerikanischen Industriekonzerns mit der Problematik "EG 1992" auseinander und mutmaßen über die möglichen Auswirkungen, vor allem aus der Sicht der US-Wirtschaft. "Daß es den sonst so zerstrittenen Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft bis 1992 gelingen will, einen echten Binnenmarkt zu realisieren, kann in den Vereinigten Staaten keiner so recht glauben", meint Steven Greenhouse von der New York Times. "Doch der Gedanke als solcher jagt Industriebossen und Politikern gleichermaßen einen Schauer über den Rücken."

Die Zeiten, in denen der ehemalige amerikanische Handelsminister Malcolm Baldridge, der, nach möglichen Reaktionen der US-Regierung auf 1992 befragt, mit einem gleichgültigen Achselzucken und der lakonischen Bemerkung "Wir leben in der Realität und nicht in einer Traumwelt" antwortete, sind passé. Jüngstes Beispiel für die Ängste und Zweifel, die sich in Washingtoner Politikerkreisen einstellen, ist das neue amerikanische Handelsgesetz, das nach längerem Säbelgerassel Anfang August doch in Kraft trat.

Die Regierung hatte sich lange Zeit wegen einer Klausel quergelegt, die Betriebe mit mehr als einhundert Angestellten verpflichtet hätte, Werksstilllegungen und Kündigungen sechzig Tage im voraus anzukündigen. Der umstrittene Passus wurde gestrichen, und innerhalb weniger Wochen war die Neuauflage perfekt.

Der eigentliche handelspolitische Teil des neuen Gesetzes stand hingegen nie zur Debatte. Wenn es auch vorrangig darum ging, sich gegen Handelsschranken und Wechselkursabsprachen der asiatischen Schwellenländer zu wehren, sind einige Passagen offenkundig gegen die Westeuropäer und ihre ehrgeizigen Pläne für 1992 gerichtet. Senator Lloyd Bentsen, demokratischer Vizepräsidentschaftskandidat und Mitverfasser des Handelsgesetzes, macht keinen Hehl aus den amerikanischen Ängsten: "Die Europäer fahren seit einigen Jahren auf der Überholspur, und wenn wir nicht rechtzeitig reagieren, lassen uns die EG-Länder hinter sich."

Als Antwort auf das stark subventionierte europäische Airbus-Konsortium haben sich die amerikanischen Parlamentarier unter der Federführung Senator Bentsens zum Beispiel schon Vergeltungsmaßnahmen einfallen lassen: Die amerikanischen Flugzeughersteller Boeing und McDonnel Douglas können, sofern sie sich von den europäischen Konkurrenten übervorteilt fühlen, aus Washington Geld in Milliardenhöhe bekommen. "Wenn in vier Jahren die letzten nichttarifären Handelshemmnisse gestrichen werden", so Bentsen, "könnte Airbus für unsere Unternehmen eine noch größere Bedrohung darstellen. Ohne das Handelsgesetz könnten einige unserer leistungsfähigsten Multis durch den sich anbahnenden Europrotektionismus wichtige Marktanteile verlieren."