Von Wolfgang Boller

Ist das noch die "große Kurtisane an der Oos", wie Baden-Baden einmal genannt wurde, als dieser Stadt halb Europa zu Füßen lag? Die ehemals stürmisch Umworbene hat die bunten Sommerfähnchen abgelegt und trägt nun die Farben des Herbstes. Die melancholische Melodie der Novemberstürme begleitet ihre wehmütigen Erinnerungen an jene grandiosen Zeiten, aus denen ihre architektonischen Kostbarkeiten stammen: die weißen und honigfarbenen Häuserfassaden der Belle Époque. Sie paßten so gut zu Baden-Badens Ruf als mondäner und leichtlebiger Kurort. Konservatoren haben die traditionellen Farben der Villen, Häuser und Hotels so kräftig aufgefrischt, als gelte es, der Kurtisane von gestern ewige Jugend zu sichern. Doch ihre Bemühungen kaschieren nur unzulänglich, daß jene Tage endgültig vorbei sind, als sich hier Fürsten und Geldadel zu heiterem Müßiggang trafen. Baden-Baden hat sich hinter denkmalgeschützten Mauern eingerichtet.

Keine Stadt geht in der Zeit zurück oder erstarrt im Zenit ihrer Triumphe. Auch die neuen Träume und Notwendigkeiten brauchen Spielräume. Und im lieblichen Tal der Oos war und ist der Platz knapp. Die mehrheitsfähigen Herren über der Stadt, im ehemaligen Jesuitenkolleg von hoher Warte aus urteilend, waren von den im Stadtparlament überrepräsentierten Architekten und Bauherren vielleicht nicht durchweg gut, jedoch höchst wirkungsvoll beraten. Der Sachverhalt ist augenfällig und eindeutig: Baden-Baden ist kein Museum, und der Autoverkehr auf der Luisenstraße nicht nur ein Nachtmahr. Entscheidungen, einmal getroffen und umgesetzt, lassen sich in der Regel nicht rückgängig machen.

In Baden-Baden war man da nicht zimperlich. Manch zerbrechliche Dekoration verschwand, wo sie im Weg war. Unwissende werden die sinnlosen Verstümmelungen an der Spitalkirche wohl kaum erkennen. In der Höllengasse wurden Häuser abgerissen, daß es einem Kahlschlag gleichkam. Die Villa Stourdza ist verschwunden, verschwunden auch die Wohnung Turgenjews im Haus des Ofensetzers Anstett, verschwunden das Holzhaus Otto Falkes. Wo, bitte sehr, stand das legendäre "Hotel Messmer", vierzig Jahre lang Quartier des preußischen Königs und Vaterhaus von Reinhold Schneider ("Der Balkon")?

Dieses Baden-Baden mit seiner Vergangenheit, die Kapital und Hypothek zugleich bedeutet, ist ja wirklich nur ein Tal, ein Schlauch, von der Rheinebene bis zum westlichen Schwarzwald reichend, ungefähr 17 Kilometer lang und an der schmälsten Stelle 600 Meter breit. Die Stadt mit 51 000 Einwohnern mißt vom Bahnhof Oos bis zum Kloster Lichtental etwa fünf und zwischen ihren entlegensten eingemeindeten Dörfern in Wäldern und Weinbergen in der Luftlinie knapp sechs Kilometer. Von elf Stadtteilen sind sieben verstreute Sommerfrischen und Winzerdörfer.

Es gibt eine Mitte in Baden-Baden, am Leopoldsplatz, aber kein urbanes Zentrum. Es gibt einen Marktplatz, zwischen Stiftskirche und Rathaus, aber keinen Markt. Die Seele der Stadt ist das Forellenbächlein Oos mit einer parallel dazu verlaufenden Talstraße, die siebenmal ihren Namen ändert.

Straße und Bach trennen den mittelalterlichen Stadtkern mit engen Gäßchen, Treppenschluchten und Plätzlein vom mondänen Weltbad mit Kurhaus, Spielkasino, Theater und Kunsthalle. Baden-Baden hat zwei Gesichter: hier der weltberühmte Kurort, das Hätschelkind verklärter Erinnerungen, dort das lebkuchenfarbene Provinznest wie Krähwinkel mit Stadtbrunnen, Bismarckdenkmal, mit Schnellimbißläden und Pornoshops. Beide Teile der Stadt gehören untrennbar zusammen, und doch führen beide von jeher ein Eigenleben.