Von Susanne Krebs

Fast bereue ich es, mich auf den Weg gemacht zu haben. Seit der Abfahrt von Osaka hat sich das Bild nicht geändert. Links und rechts der Bahn, wie gehabt, kleine, einstöckige Häuser mit handtuchgroßen Vorgärten, zwei- und dreistöckige manschons, dazwischen Fabriken und Kleinbetriebe, Parkplätze und überfüllte Straßen.

Der Zug, der mich zum Koya-San bringen soll, ist klimatisiert, aber wenn sich an den Haltestellen die Türen öffnen, dringt ein Schwall stickig-warmer Luft herein. Ich reise mit leichtem Gepäck. In japanischen Gasthöfen findet man immer einen Hauskimono vor, Pantoffeln, kleine Handtücher und Seife. Vor den Fenstern tauchen die ersten Reisfelder auf. Sie stehen noch unter Wasser, in dem sich die Sonne und die Wolken spiegeln. In der Ferne, blau verschwimmend am Horizont, sind die Mie-Berge zu sehen. Dort drüben liegt mein Ziel, der Berg Koya, der seit tausend Jahren ein Kloster der buddhistischen Shingon-Sekte beherbergt und den schönsten Friedhof Japans.

Im Jahre 806, als in Europa Karl der Große regierte, reiste ein buddhistischer Gelehrter von Japan nach China: Kukai, oder wie er später genannt wurde, Kobo Daishi. Er studierte bei mehreren Meistern, unter ihnen auch Priester aus Kaschmir und Südindien, lernte Sanskrit und war besonders von der südindischen Lehre beeindruckt; die Maha Vairocana als obersten und ewigen Buddha verehrt, aus dem alle anderen Formen Buddhas hervorgegangen sind. Nach dreijährigem Aufenthalt kehrte Kukai nach Japan zurück und begründete hier die Lehre des Shingon – des wahren Wortes. Unter Kobo Daishis Leitung wurde auf dem Koya-Berg ein Kloster erbaut, zwar noch im Yamato-Stammland, aber doch in gebührender Entfernung von der Hauptstadt Kyoto.

Die Strecke steigt jetzt ständig an, immer dichter werden die Wälder, fast undurchdringlich wuchert das Unterholz. Ab und zu, an einem geschützten Hang, eine Palme. Die Haltestellen sind nur schmale Wege, an denen kleine Holzhütten liegen. Dann die Endstation Gokurakubashi.

Man muß umsteigen in einen Bus, der zum Kanko Kyokai, dem Touristencenter, fährt. Für diesen Ort kann man Übernachtungen buchen, etwa 50 Klöster bieten diese Möglichkeit an. Die Mönche müssen sich nämlich für das finanzielle Überleben des Tempels etwas einfallen lassen, keine Kirchensteuer, die vom Staat eingezogen wird, hält ihn über Wasser.

Ein Bekannter hat mir den Jimyo-in empfohlen, und so frage ich, ob ich dort eine Reservierung bekommen kann. "Ja", sagt die Dame ins Telephon, "eine Ausländerin, sie ist empfohlen, doch, doch, o-jozu!" Und nach diesem Zauberwort klappt es. O-jozu – perfekt sein, Ansporn und Ziel aller japanischen Handlungen. Ein perfekter Gastgeber, ein perfekter Gast, Arbeiter, Autofahrer, Verkäufer – nichts ist zu gering, um nicht o-jozu behandelt zu werden. Nie werde ich erfahren, worin ich o-jozu bin, wahrscheinlich hält sie mich für fähig, die Hauspantoffeln nicht mit den Klopantoffeln zu verwechseln.