Läßt sich ein Land wie Mexiko angemessen beschreiben, dessen knapp 80 Millionen Einwohner eine Mischung aus Mestizen, Indianern und Emigranten sind, dessen Vergangenheit geprägt ist durch eine frühe Hochkultur und den Einfluß der spanischen Eroberer, die auf seine Geschichte nachhaltig eingewirkt haben?

Jörg Hafkemeyer bewältigte diese Aufgabe in einem einfühlsamen Essay-Band. Er führt uns durch die kleinen Straßencafes, durch Slums, Paläste und die Wohnstuben seiner Freunde. Seinen aufmerksamen Augen entgeht auch nicht das gebrochene Selbstbild der Mexikaner, die "zwischen Maya und Moderne" schwanken – wie der Untertitel des Buches lautet. Identifizieren können sich die heutigen Jugendlichen weder mit der alten Kultur noch mit dem oktroyierten spanischen Erbe.

Hafkemeyer, der seit 1985 als Korrespondent in Mexiko lebt, schöpft aus einem profunden Wissen. Seine intimen Alltagsskizzen sind gespickt mit Daten, die in jedem Reiseführer dröge wirken würden. So aber werden seine Erzählungen zu Reportagen und die Konflikte dieses Grenzlandes verständlich.

Der Autor führt uns in die Calle Vienna in Coyoacan, wo Leo Trotzki mit Frau und Stiefsohn die letzten drei Lebensjahre verbrachte. Er stellt auch den einbeinigen Alfonso vor, der vor dem Zeitungs- und Buchladen Sunborms sitzt und dort seit Jahren mit Schuhputzen seinen Lebensunterhalt verdient.

Zu Mexiko gehören Figuren wie Stephen, der als kalifornischer Hippie in die Hafenstadt Zipolythe kam und dort, in einer Palmen- und Strohdachhütte, als Fischer seinen Traum vom glücklichen Leben verwirklicht.

Seit Anfang der siebziger Jahre gibt es in dem Macho-Staat Mexiko Frauenorganisationen. An Beatriz Paredes, seit einem Jahr Gouverneurin im kleinsten und ärmsten Bundesstaat, in Tlaxcala, zeigt Hafkemeyer die Umstrukturierung im Männer-Staat auf.

In 26 Essays erfährt der Leser Wesentliches über Mexikos Wirtschaftsbeziehungen zu Amerika und Japan, über das Kernkraftwerk Laguna Verde, die Naturkatastrophe von 1985 und über Don Fidel, der sich vom Molkereiarbeiter zu einem der wichtigsten Männer Mexikos hochgearbeitet hat.