Von Reiner Luyken

Jeder bei uns im Dorf erinnert sich an Hamish Gray. Er war nicht brillant, aber hochanständig, grundehrlich und dabei nicht ungeschickt: ein konservativer Parlamentsabgeordneter, wie er im Buche steht. Er vertrat die schottische Grafschaft Ross and Cromarty drei Legislaturperioden lang im Unterhaus, und er kam seinen Pflichten treulich nach. Mindestens einmal im Jahr erschien er sogar in unserem entlegenen Weiler.

Hamish Gray war ein Tory mit Leib und Seele, und als Maggie Thatcher an die Macht kam, lief ihm das Herz über. Seine glühende Verehrung für die neue Premierministerin brachte ihm auch bald einen Posten ein. Er wurde Staatssekretär im Energieministerium. Aber nun hat sich Hamish Gray schon seit fünf Jahren nicht mehr bei uns blicken lassen. Hamish Gray? Nein, den gibt es gar nicht mehr! Der Abkömmling einer Dachdeckerfamilie aus Inverness, der unsere Grafschaft dreizehn Jahre lang brav im Unterhaus vertreten hatte, ist heute – ein Lord. Lord Gray of Contin. Er sitzt jetzt im Oberhaus, im Aristokratenparlament von Westminster.

Das trug sich folgendermaßen zu: Als Staatssekretär verwaltete Hamish Gray das Öl vor der schottischen Küste nicht so, wie es den Vorstellungen vieler seiner schottischen Mitbürger entsprach, sondern wie es Frau Thatcher gefiel. Nun ist Margaret Thatcher im Norden der Insel ohnehin ziemlich unpopulär, und Grays Wahlvolk nahm ihm seine apodiktische Anhänglichkeit an die eiserne Schulmeisterin schlichtweg krumm. Bei den Unterhauswahlen am 9. Juni 1983 verlor er seinen Wahlkreis an einen Neuling.

Am Tag nach seinem Wahldebakel klingelte bei ihm zu Hause das Telephon. Margaret Thatcher war am anderen Ende der Leitung. Sie versicherte ihm, wie sehr sie seine Niederlage bedaure, und sie dankte ihm für seine Treue. Dann sagte sie: "Ich möchte gerne, daß Sie für uns ins House of Lords gehen."

Drei Tage später war alles besiegelt. Die Königin stimmte dem Vorschlag der Premierministerin zu, den abgehalfterten Unterhausabgeordneten in den Adelsstand zu erheben. Und weil Margaret Thatcher eine Person ist, die Nägel mit Köpfen macht, ernannte sie den frischgebackenen Lord gleich noch zum Staatssekretär im Ministerium für schottische Angelegenheiten – mit besonderer Zuständigkeit für das Hochland und seine aufsässigen Wähler. Ich erinnere mich noch gut an einen Amerikaner, der damals hier zu Besuch war. Er wollte einfach nicht glauben, daß dies die Art sei, in der die berühmte britische Demokratie funktioniere. Die Leute im Hochland gaben dem neuen Lord hinfort einen aus dem Deutschen entliehenen Beinamen: "Gauleiter."

In diesem Jahrzehnt, dem Jahrzehnt geradezu unumschränkter Herrschaft Margaret Thatchers im Unterhaus, hat das House of Lords ein unerwartetes Comeback erlebt. Nach Ansicht vieler Liberaler und sogar der Linken ist die Aristokratenkammer heute die einzige wirksame Opposition gegen die autokratischen Tendenzen der Regierung. 130 Mal stimmte sie während der letzten Legislaturperiode gegen konservative Gesetzesvorhaben – meist in Detailfragen zwar, aber immerhin. In den siebziger Jahren noch hatten die Lords als verlängerter Arm der Tories gegolten.