Von Thomas Degering

Etwa 40 Kilometer westlich von Paris, zwischen den Ortschaften Poissy und Triel, liegt am linken Ufer der Seine das kleine Dorf Medan. Es ist ein eher unscheinbarer Ort mit einer fast menschenleeren Hauptstraße, irgendwo in einem Hinterhof ertönt dumpfes Hundegebell.

Medan besitzt zwei Ortsschilder: ein gewöhnliches mit blauer Schrift auf weißem Grund, das an einen Holzpfahl genagelt ist; und ein weiteres, eine Art Tafel, die die Attraktionen des Dorfes ausweist. "Medan. Village Touristique. Maison de Zola" steht dort geschrieben.

"Maison de Zola" ... Ja, wegen dieser Sehenswürdigkeit bin ich hierher gekommen. Es stimmt also, daß es das Landhaus Émile Zolas immer noch gibt. Man hat es nicht zerstört oder gar dem Erdboden gleichgemacht. Weil es schon spät ist, gehe ich zunächst in mein Hotel. Ich werde Zolas Haus morgen besuchen, am Sonntag.

Unmittelbar hinter der schlichten, zweitürmigen Kirche von Medan zweigt eine holprige Straße nach links ab. An ihrem Ende sehe ich ein mittelgroßes Haus, das von fern wie eine alte Herberge aus dem Postkutschenzeitalter anmutet. Es ist aus grauen, braunen und weißen Steinen unterschiedlicher Größe gebaut, hat keinen Anstrich und präsentiert sich eigentlich nur wegen seiner hohen und modernen Fenster als neuzeitliches Fremdenquartier. "Le Rallye. Hotel. Restaurant" prangt es auf der roten, eingezogenen Markise.

Als ich den Wirt, der träge hinter dem Schanktisch lehnt, um ein Zimmer bitte, stellt sich heraus, daß ich an diesem Abend der einzige Gast bin.

Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg durch die Gassen Medans, auf der Suche nach dem Landhaus Émile Zolas. In altfranzösische Trachten gekleidete Dorfbewohner kommen vom Kirchgang zurück und gehen nun in den Gasthof gegenüber dem Gotteshaus.