Von Helmut Becker

Tokio, im November

Die gegenwärtige Atmosphäre kann als anomales Phänomen gesehen werden", meint Masaru Kawamoto, Soziologieprofessor an der Tokioter Komazawa-Universität. Damit spielt der Gelehrte auf den abrupten Stillstand weiter Teile des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in Japan seit der schweren Erkrankung des Tenno am 19. September an. Nicht nur, daß sich die Nation nun schon seit Wochen auf die Hoftrauer vorbereitet, obwohl der 87 Jahre alte Kaiser Hirohito immer neue Energien im Kampf gegen den Tod aufbietet. Es hat auch ein Anflug von Massenhysterie das Land ergriffen und die kollektiven Unsicherheiten freigelegt, die in dieser Form kaum jemand bei dem erfolgverwöhnten fernöstlichen Wirtschaftsriesen vermutet hatte.

Seit sich die 63jährige Ära Showa ("Erleuchteter Frieden") ihrem Ende nähert, rüstet sich das Inselreich mit einer Inbrunst für den Wechsel auf dem Chrysanthementhron, als sei eine Zeitenwende angesagt. Dabei ist der Tenno nach der Verfassung heute nur noch das "Symbol des Staates und der Einheit der Nation".

Wie nie zuvor in der Nachkriegszeit seit dem Neujahrsedikt 1946, in dem Hirohito seiner Göttlichkeit entsagte, feiert der Tenno-Kult eine Wiederauferstehung. Japans Medien wachten seit gut sechs Wochen ununterbrochen vor dem Palast. Die Informationen über "vitale Daten" des allerhöchsten Patienten füllen tagein, tagaus die Morgen- und Abendausgaben der Zeitungen. Die elektronischen Medien: unterrichten ihr Publikum in ein- bis zweistündigen Intervallen, das Staatsfernsehen NHK berichtet live die ganze Nacht vom Fukiage Gosho Palast, dem "Odem erhebenden erhabenen Ort". Mehrmals täglich werden die Japaner vom Palastamt über Fieber, Puls, Blutdruck und Atemfrequenz des erkrankten Tenno ins Bild gesetzt.

Das politische Leben in Tokio ist ins Stocken geraten. Besuche ausländischer Regierungschefs und anderer hoher Politiker wurden kurzerhand abgesagt. Japans Außenminister Sosuke Uno verzichtete auf seinen Auftritt vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York, Finanzminister Kiichi Miyazawa sagte seine Teilnahme an der Jahrestagung von Weltbank und IWF in West-Berlin ab. Wer in Nippon etwas zählt, schart sich um das Krankenlager der Nation.

Auch Hochzeiten und selbst jahrhundertealte Volksfeste wollen nicht in die gedrückte Stimmung dieser Tage passen. In ihrer Loyalität und Pietät läßt sich die Geschäftswelt von niemandem überbieten. "Mir flattern täglich Anweisungen für den Fall der Fälle ins Haus, die bis hin zur Neonbeleuchtung in Ausstellungsräumen und Büros gehen", berichtet Lüder Paysen, der Präsident von BMW Japan. Doch damit nicht genug: Die Industrie selbst überbietet sich in der Erfindung immer neuer Tabus.