Unaufhaltsam altert nun das alte Jahr. Doch seine letzten Zumutungen hält es noch bereit. Die Weihnachtsfeiern in den Betrieben. Die Weihnachtsleitartikel in den Zeitungen ("Einkehr und Ausblick"). Die falschen Weihnachtsmänner mit den falschen Bärten. Sechs Wochen noch bis Heiligabend – nur der Starke wird sie überleben.

Um uns die harte Wartezeit zu verkürzen, kommt die Geschäftswelt auf immer neue, entzückende Einfälle. Zum Beispiel Hamburg, die prachtvolle Mönckebergstraße, ein riesiges Kaufhaus: Über seine kahlen Außenwände aus grauem Bunkerbeton irrlichtert seit einiger Zeit ein magisches Licht, ein grünes Leuchten. Ein Laserstrahl zeichnet bewegte Bilder an die Kaufhausmauer. Der Passant bleibt stehen, der Autofahrer tritt auf die Bremse, verzaubert schauen alle auf das flirrende Lichtspiel – und Weihnachten wird’s in unseren Herzen.

Denn die Laserkanone wirft nicht etwa Sterne und Kometen (und ähnlichen Kitsch) an die Wand. Sie erzählt auch nicht die Weihnachtsgeschichte ganz neu, als Laser-Comic beispielsweise. Vielmehr zeigt uns die flackernde, eilige Schrift, worum es an Weihnachten wirklich geht. Sie kritzelt einen Staubsauger. Sie zeichnet eine Waschmaschine. Sie malt eine Tiefkühltruhe. Alles Produkte der Firma Siemens, in deren Diensten der emsige Laserstrahl steht.

Ein Schock, aber vielleicht ein heilsamer. Der erste Schritt zu ehrlichen Weihnachten! Schluß mit all dem Lametta- und Lebkuchenkitsch! Die Weihnachtskrippen ins Feuer, die Weihnachtsbäume in den Müll-Container! Und warum noch Zeit verlieren mit dem Absingen einfältiger Lieder oder gar mit dem Vorlesen der Weihnachtsgeschichte (Lukas zwei, der alte Hut)?

Keine Heuchelei mehr! Ziehen wir uns lieber gleich nach dem Weihnachtsbraten die brandneuen Horrorvideos rein – dann sind alle, Großvater, Vater, Mutter und Kind, restlos glücklich.

In Adalbert Stifters schöner Erzählung "Bergkristall" verirren sich zwei Kinder im weihnachtlich verschneiten Wald. Solche Schrecken drohen in unseren grünen Laserzeiten kaum noch – der Wald ist weg, der Schnee auch, und Oma überwintert auf Mallorca.

Endlich friedliche Weihnachten. Was allerschlimmstenfalls passieren kann: daß unser Kind in die neue Siemens-Tiefkühltruhe fällt. Finis