Die Virustraße ist eine der schönsten Straßen der estnischen Hauptstadt Tallinn. Kurz nach dem Viru-Tor, der früheren Lehmpforte Revals, mündet sie auf den Vana-Turg-Platz, den Alten Markt, der in der Geschichte der alten Hansestadt Reval, das heute Tallinn heißt, eine große Rolle gespielt hat. Heute verbirgt sich ein Teil des Alten Markts hinter den Bretterzäunen der polnischen Firma PKZ, die den Esten seit über zehn Jahren bei der Restauration der Altstadt hilft.

Restaurationsbedürftig ist auch ein traditionsreiches und denkmalgeschütztes Jugendstilgebäude an der Ecke Virustraße/Venestraße. Ältere Tallinner haben hier das Restaurant-Cafe "Kuning" aus den dreißiger Jahren in Erinnerung. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Erdgeschoß als einfache Gaststätte; heute stehen die Räume leer.

Ginge es nach den Plänen des Kieler Hoteliers Eike Pirwitz, so könnten hier schon im nächsten Jahr Labskaus, Grünkohl und Bauernfrühstück serviert und bundesdeutsches Bier gezapft werden. Denn Pirwitz möchte, ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende, als erster wieder im Baltikum deutsche Gastronomie anbieten.

Nach dem ähnlichen Schritt eines Hamburger Wirts in Leningrad haben jetzt in Tallinn Verhandlungen über die Gründung des zweiten deutsch-sowjetischen Gemeinschaftsunternehmens in der Gastronomie begonnen. Mögliche Partner auf bundesdeutscher Seite – mit einem Anteil von 49 Prozent – sind neben Eike Pirwitz eine Hamburger Brauerei und ein Kieler Kücheneinrichter, auf estnischer Seite die Tallinner "Gastronomische Vereinigung" mit 51 Prozent. In den gemischten Betrieb sollen 1,5 Millionen Mark investiert werden, wobei die drei westlichen Partner 750 000 Mark einbringen wollen, während die Esten außer ihrem Rubelanteil das Gebäude stellen.

Das erste deutsch-estnische Joint venture ist ein Produkt der Städtepartnerschaft zwischen Kiel und Tallinn. Seit die beiden Städte 1982 ihren Partnerschaftsvertrag unterzeichneten, waren über dreihundert Gäste aus Tallinn in Kiel zu Besuch, die bei Eike Pirwitz, der auch Vizepräsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Schleswig-Holstein ist, in "Muhl’s Hotel" wohnten und in seinem Restaurant "Kieler Umschlag" aßen. Die joint-venture-Idee kam dem Kieler Wirt schon vor anderthalb Jahren nach einer Brauerei-Besichtigung mit estnischen Gästen in Kiel und wurde in Tallinn freundlich aufgenommen.

Denn Estland möchte sich im Zuge der Moskauer Reformpolitik touristisch entwickeln und zu einem "nördlichen Spanien" werden. Ohne westliche Hilfe kann die baltische Republik ihr Gaststättenwesen freilich nicht auf internationales Niveau bringen. Pirwitz und seine Partner wollen den Esten ihr Know-how sowie die Brauerei- und Küchentechnik liefern und hoffen, im Gegenzug rund tausend Hektoliter Bier pro Jahr verkaufen zu können.

Die erste Verhandlungsrunde in Tallinn war schwierig. Während die Esten am liebsten auf der Stelle einen Vertrag unterschrieben hätten, um mit den Deutschen zusammen das Gebäude zu renovieren und einzurichten, sahen die Kieler ein betriebsfertiges Gebäude als Voraussetzung für die Aufnahme von Verhandlungen an. Während die Deutschen eine exakte Rentabilitätsrechnung erwarteten, lieferten die Esten weder Zahlen über die Höhe der Pacht noch über Strom-, Wasser-, Material- und Personalkosten. Ebensowenig konnten sie sagen, wann das Gebäude in der Virustraße betriebsfertig sein würde.