Von Dieter Buhl

Armer Richard, poor Richard, wie sie im Englischen sagen, leicht hat er es nicht in unserem Lande. Wo Ordnung mehr zählt als Elan, wo Vorsicht, Skepsis, ja Zynismus walten, wo der sowjetische Staatschef gar mehr Popularität genießt als der US-Präsident, kann einem vollblütigen amerikanischen Konservativen gelegentlich schon einmal die Galle überlaufen. Aber darf dies jemandem öffentlich widerfahren, der, wie Richard Burt, Botschafter der Vereinigten Staaten in Bonn ist?

Die Regel, ein Diplomat leidet und schweigt, besitzt im Zeitalter der Indiskretion nur noch bedingten Wert, deshalb hält sich Washingtons Vertreter am Rhein auch gar nicht erst daran. Statt dessen plädiert Burt für ein offenes Gespräch unter Partnern. Und recht hat er, denn Klartext hat noch nie geschadet, vor allem dann nicht, wenn er zum Nachdenken zwingt.

Ohnehin beläßt es der Autor nicht beim erhobenen Zeigefinger. Nach drei Bonner Jahren sind ihm Respekt und Zuneigung für das Gastland anzumerken. Sie äußern sich, wenn Burt lobende Worte für deutsche Tatkraft und Tüchtigkeit findet, wenn er als Apologet der Hochtechnologie die Leistungen unserer Volkswirtschaft rühmt. Wann, zudem, hat einer aus Reagans Reihen schon einmal die Truppen- und Waffendichte hierzulande als beschwerlichen Verteidigungsbeitrag anerkannt? Dem Kompliment für Aufbau und Vitalität der westdeutschen Demokratie jedoch folgt ein beunruhigtes Erstaunen. Warum, fragt der amerikanische Patriot, bekennen sich die Bundesbürger nicht mit Stolz zu ihrem Gemeinwesen?

Burts Verwunderung belegt gleichzeitig seine These, daß Amerika und die Bundesrepublik zwar Freunde, aber wahrlich keine Zwillinge sind. Seine Definition der nationalen Unterschiede kommt denn auch aus dem Herzen und trifft beinahe ins Schwarze: Hier "die geordnete und weniger mobile deutsche Gesellschaft, (die) ein Gefühl der Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit fördert dort ein "sozial, wirtschaftlich und politisch ... wesentlich rauheres Klima" und eine Gesellschaft, "die die Betonung auf die Möglichkeiten" für jedermann legt. Den Deutschen ein bißchen Dampf zu machen, ist daher Burts unverhülltes Anliegen. Der Botschafter als Erzieher, wenn auch nicht im Ton eines Statthalters oder Vizekönigs, der ihm gelegentlich unterstellt wird.

Bei den aktuellen Differenzen allerdings nimmt er kein Blatt vor den Mund. Kommt seine Sprache auf den Protektionismus, den EG-Agrarmarkt oder gar den Airbus, verläßt ihn die diplomatische Zurückhaltung. Und zwar immer wieder. Denn entweder glaubt Burt den Gesetzen der Werbung nicht, die dreimaliges Wiederholen einer Botschaft für völlig ausreichend halten, oder das Rohmaterial des Buches, seine Reden, ist nicht sorgfältig genug zusammengefügt worden.

Der vom Autor propagierten "reifen Partnerschaft" über den Atlantik aber stehen noch gefährlichere Hemmnisse als der Protektionismus im Wege. So fußt Burts Klage über die Rollenverteilung in der Allianz – Europa möchte für den Dialog mit dem Osten zuständig sein, Amerika solle für Realismus und Stärke eintreten – möglicherweise auf Erfahrung. Seine Warnung vor der Sowjetunion, die sich "auf der ganzen Welt auf Aggression und Abenteuer" einläßt, zeugt hingegen von leicht angestaubter Ideologie. Damit wird er ebensowenige westeuropäische Herzen gewinnen wie mit seinem unbeirrten Plädoyer für eine Modernisierung der Kurzstreckenwaffen oder der These, durch Rüstung zur Abrüstung zu gelangen.

Doch wie die Diplomatie eine Kunst mit ungewisser Wirkung ist, lassen auch die freimütigen Bemerkungen dieses Diplomaten vielerlei Reaktionen zu. Langeweile sollte nicht dazu gehören, weil das Buch nicht nur durch holprige Übersetzung und flüchtiges Lektorieren den Adrenalinfluß hebt. Aus Richard Burt spricht auch Reagans Amerika. Was er zu sagen hat, mag deshalb vielen Lesern nicht gefallen, anregen wird es sie allemal.