Was ein echter Alpenländler ist, dem schnürt es die Kehle zu, wenn wirklich wahr werden sollte, was jüngst der Spiegel verkündete. Schluß soll sein mit der Jodelei in freier Wildbahn, so will es der bayerische Umweltminister voll Rücksicht auf sensible Steinadler und dezibelgeschädigte Rauhfußhühner.

Kein kerniges Juchzen mehr, wie es uns in luftiger Bergeshöh’ ganz zwangsläufig immer wieder aus der Kehle sprang. Kein Andachtsjodler mehr vor der herzergreifenden Kulisse von Ettaler Mandl oder Mädelegabel. Kein "Holidürüdüro" wird mehr von der Benediktinerwand ins Tal herunterpurzeln.

Vergeblich das beständige Training des alles entscheidenden Umschlags vom Brust- zum Falsettregister. Vergeblich das gewissenhafte Einpauken sämtlicher gedruckter Jodelregularien. Vergeblich das jahrelange Studium an der Jodelschule. Vergeblich auch die langen einsamen Märsche auf den Deichen der Nordsee, um in der Diaspora nicht aus der Übung zu kommen (auch wenn der Jodler dort eher klang wie der letzte Heuler eines Heulers).

Nach all den Strapazen, denen die Stimme schonungslos ausgesetzt war, sollen wir nun nur noch in geschlossenen Räumen jodeln, zum Singen in den Keller gehen? Da verschlägt’s einem Älpler doch das Falsett.

Gottlob ist uns der rettende Einfall gekommen. Wir gründen die Notgemeinschaft der geächteten Freiluftjodler e.V. Mindestvoraussetzung für die Aufnahme: Brustumfang 120 Zentimeter, Kropf und kräftige Stimme. Und dann werden wir hinauspilgern in die Harburger Berge oder in den Harz, um uns das Herz aus der Seele zu jodeln.

Die Chancen für Vereinsfahrten sind Legion, belehrt uns doch die Brockhaus Enzyklopädie, daß der Jodler "dem Ursprung nach vorgeschichtliche, vielleicht einst weltweit verbreitete Singart" war. So werden wir von der Hohen Tatra tönen und mit den Chinesen in Wettkampf treten, werden zum Sängerkränzchen mit Blick auf den Nanga Parbat und jährlich einmal zum Einjodeln am Popocatepetl laden. Mit offenen Armen wird uns die Schweiz empfangen, denn dort weiß man noch um die Wichtigkeit des Jodeins. Über tausend Schweizer, so tröstet uns die renommierte Weltwoche, lernen allein in diesem Jahr wie "älplerisch frei" drauflosgejodelt wird. Am Mönch oder am Matterhorn könnten wir dem schnellen Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme freien Lauf lassen.

So laut, daß es vielleicht bis nach Bayern hinüberschallt, wo es dann ganz stad ist, weil alle Urlauber ja jetzt woanders jodeln. Und zwischen Watzmann und Zugspitze hört man nur noch Umweltfreundliches: das Tosen der Turbos auf den Straßen, das nervöse Sirren der Seilbahnen, die dröhnenden Motoren der Pistenraupen. Was ist dagegen schon so ein harmlosfehlgeleiteter Jodler? Holidiro.

Monika Putschögl