Von Roland Phleps

Diesen Aufsatz schreibe ich im Zorn. Mit dem Zorn eines Deutschen auf die vielen, die nie oder kaum darüber nachgedacht haben, ob oder daß sie Deutsche sind, die Deutschsein gleichsetzen mit der Staatsbürgerschaft oder der Parteinahme im Sport und die sich irritiert fühlen durch den angeschwollenen Zustrom von Menschen aus dem europäischen Osten und Südosten, die als Deutsche in Deutschland (West) leben und anerkannt werden wollen.

Nachdenken ist immer noch für die meisten unbequem. Nachdenken kann den Alltag stören, es kann sogar zum Verlassen gewohnter Denkmuster führen, nachdem man auf Fragen lang und mühsam Antwort suchen mußte.

Wer die Rostra betritt, sollte Namen und Herkunft nennen, damit man ihn einordnen und besser verstehen kann. Ich bin Siebenbürger Sachse, Jahrgang 24, in Hermannstadt geboren und aufgewachsen und lebe seit 44 Jahren in Deutschland. Meine beiden Muttersprachen sind die siebenbürgisch-sächsische Mundart und die deutsche Schriftsprache, ich habe deutsche Schulen besucht und von der dritten Klasse an Rumänisch als Fremdsprache gelernt. Öffentliche, also allgemein zugängliche deutsche Schulen hat es in meiner Heimat früher gegeben als in den meisten Städten Deutschlands. Ich habe mich von Kind an als Deutscher gefühlt, in der Tradition der germanissimi germani, nicht ohne Stolz, vielleicht nicht ohne Dünkel, und war schon früh informiert über das zähe Ringen der deutschen "Minderheit" mit der Regierung des rumänischen "Staatsvolks" um die Bewahrung des Deutschtums.

Für die Rumänen bestand kein Zweifel daran, daß wir Siebenbürger Sachsen einerseits rumänische Staatsbürger waren (de cetatenie romana, abgeleitet von civitas = Bürgerschaft), daß wir aber Deutsche waren (de nationalitate germana, abgeleitet von natus = geboren, später de origine etnica germana = von deutschem völkischen Ursprung). Wichtiger als dieser rechtliche Gesichtspunkt war aber die Tatsache, daß jeder vom anderen wußte, daß er Rumäne, Ungar, Szekler, Jude, Zigeuner oder Deutscher war.

Woher bestimmte sich die Volkszugehörigkeit? Sicher spielte die Muttersprache die wichtigste Rolle. Hinzu kam aber auch, welchem Kulturkreis man sich zugehörig fühlte, wofür man einzutreten und auch zu leiden bereit war. Das Bewußtsein hierfür wurde täglich wachgehalten. Abgrenzung bedeutete jedoch keineswegs Gegnerschaft im Alltag. Gute Nachbarschaft war in den mitmenschlichen Beziehungen die Regel.

Als Deutsche bewahrten wir in über 800jähriger Tradition Sprache und Kultur des Mutterlandes, wie wir Deutschland im Unterschied zum Vaterland nannten, das jetzt Rumänien hieß, vorher Ungarn, vorher Österreich, vorher osmanisches Protektorat und zu Anfang Ungarn, als dessen König Geisa II. zur Stauferzeit Deutsche aus dem Raum von Luxemburg bis zum Niederrhein ad retinendam coronam ins Land geholt hatte. Wir identifizierten uns mit der Kultur, den zivilisatorischen Leistungen und auch mit der Politik Deutschlands, fast alle unkritisch und blind wie die meisten Binnendeutschen, die wir Reichsdeutsche nannten, gegenüber der verbrecherischen Politik Hitlers, deren Opfer die Völker Europas einschließlich des deutschen Volkes, namentlich seiner Jugend und der im Osten lebenden Deutschen, werden sollten.