Von Helmut Schneider

Ausstellungsmacher, die sich zu Dompteuren aufschwingen und die Kunst nach ihrer Pfeife tanzen lassen, sind nicht Platzanweiser, (auch wenn es manchmal so aussieht), sondern Zauberkünstler, die einen Trick versuchen, der wahrscheinlich gar nicht gelingen kann. Es ist, als ob man einen Hasen aus dem Hut zaubern wollte, aber nur den Hasen hat und nicht den Hut. Der Hase, das sind die Kunstwerke, die in der Ausstellung figurieren, der Hut, das ist das Konzept, das die Kunstwerke in einen – räumlichen, visuellen, thematischen, gedanklichen – Zusammenhang bringt.

Das Problem dabei ist allerdings, daß Kunst, die heute entsteht, im Normalfall sich selbst inszeniert und nur ungern als Teil einer übergreifenden Inszenierung auftritt. Wenn Ausstellungen an Orte ausweichen, die nicht als Orte für Kunst ausgewiesen sind, in Fabriken, Messehallen und neuerdings auch stillgelegte Bahnhöfe, dann steht dahinter die Hoffnung, auf sozusagen neutralem, auf manchmal auch theatralischem Boden bessere Bedingungen vorzufinden für den Versuch, aus einer Reihe von Solitärem ein Ensemble zusammenzufügen, eine Inszenierung.

Genau genommen ist die Erkundung neuer Räume für Kunst eine Flucht Vor dem Museum, dem Ort also, mit dem die Kunstwerke, heimlich oder offen, einen Dialog führen. Das Museum, die Kunst, die dort anzutreffen ist, bleibt trotz und alledem ihr Bezugspunkt. Eigentlich hindert ja nichts, die Arbeiten in die heiligen Hallen einzuladen, die sie im Grunde als ihren angemessenen Aufbewahrungsort betrachten. Und die Zeiten, in denen Kunst sich sträubte, mit dem Hintern im Museum zu sitzen, sind längst vorbei. Die Kunst schielt nach dem Museum, sie kann nicht schnell genug darin einziehen. Wenn aktuelle Kunst ins Museum kommt, dann in Museen aktueller Kunst, in Distanz also zu den Klassikern. Warum läßt man die neuen Meister nicht einmal bei den alten Meistern hospitieren, wartet, ob sie das Gespräch mit der Kunst der Vergangenheit beginnen?

Auf diese Fragen gibt es nun eine Antwort, die allerdings gleich wieder Fragen aufwirft. Die Museen der Stadt Straßburg haben zur thematisch genau umrissenen Ausstellung mit dem Titel "Saturne en Europe" zehn Künstler eingeladen, die sich entscheiden konnten, ob sie im Palais Rohan, dem Museum der Schönen Künste, im "Musée de l’Oeuvre Notre Dame", dem Dommuseum, oder doch lieber in der "Ancienne Douane", dem ehemaligen Zollamt, das jetzt als Kunsthalle dient, ihre Arbeiten zeigen wollten. Insgesamt beteiligten sich zwölf Künstler an der Ausstellung, Joseph Beuys und Marcel Broodthaers sind bereits tot, sie konnte man also nicht mehr befragen (beide findet man in der Ancienne Douane). Von den übrigen votierte je die Hälfte für die Orte, die bereits mit Kunst besetzt waren, und für die leeren Räume in der Kunsthalle. Wenn man davon ausgeht, daß die Künstler sich überlegt haben, wo sich ihre Arbeiten optimal präsentieren könnten, wie der Bezug zum Thema am deutlichsten erkennbar würde, dann sind einige Entscheidungen nicht so recht verständlich.

Im Zeichen des Saturns werden die Melancholiker geboren, die schwermütigen, von der Trauer über die Vergeblichkeit alles irdischen Strebens bedrückten Planetenkinder. Der Melancholiker, erdverhaftet, in seinem Sinnen auf das Wesen der Dinge gerichtet, besitzt jedoch auch seherische Gaben – das immer gefährdete Genie ist Melancholiker. Eine spezifische Form der Melancholie ist die Künstlermelancholie, die Albrecht Dürer in seinem Kupferstich "Melancolia I", dem Leitbild der Ausstellung, dargestellt hat. Gerade der melancholische Künstler unterhält aufgrund seiner eigenartigen mentalen und psychischen Ausstattung privilegierte Beziehungen zu dem, was gewesen ist, zur Vergangenheit also.

Der Künstler schöpft aus der Erinnerung an die Vergangenheit die Kraft, ein Werk herzustellen, das den Stempel von heute trägt – so hat, sinngemäß, Roland Recht, der Direktor der Straßburger Museen und Organisator der Ausstellung, den Punkt definiert, an dem "Saturn in Europa" ansetzt. Unabhängig davon, ob sich die Beziehung von Vergangenheit und Gegenwart als Spannungsverhältnis äußert, als Ausdruck von Wahlverwandtschaft oder in Form einer Allegorie, haben also alle gezeigten Werke mutmaßlich eine gemeinsame Eigenschaft: sie sind das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit Vorbildern, eines Prozesses, der in die Herstellung von Nachbildern mündet. In der Annäherung oder Entfernung wird dann sichtbar, auf welcher Reflexionsebene der heutige Künstler sich bewegt.