Von Gunter Hofmann

Bonn, im November

Traumwandlerisch sicher trifft er immer wieder auf den Nerv. Ja zu kürzeren Arbeitszeiten ohne vollen Lohnausgleich, nein zur überzogenen Deutschtümelei, ja zur Sonntagsarbeit, nein zum Verantwortungs-Imperialismus der SPD, ja zu Genscher, zum Unternehmertum und zur Marktwirtschaft ohne Wenn und Aber – schon lange hat man keinen Politiker erlebt, der es wie Oskar Lafontaine fertiggebracht hätte, in so kurzer Zeit mit so lapidaren Stichworten so leidenschaftliche Kontroversen in der Sozialdemokratischen Partei wie in der Republik auszulösen.

Lafontaine, der Saarbrücker Regierungschef, liefert Stoff für die Stammtische, für das SPD-Präsidium, für alle Zeitungsredaktionen. Oskar, der Tabubrecher, ist ein öffentliches Ereignis. Von der Opposition – das gilt für die SPD wie für die Grünen – kann man das ansonsten kaum behaupten.

Mit seinen Thesen zur Arbeitszeit und zum Ende der traditionellen Erwerbsarbeit brachte er im Frühjahr die Gewerkschaften gegen sich auf und die SPD in einen Zwiespalt. Hans-Jochen Vogel versuchte damals, Brücken zu bauen. Seither aber hat der Parteivorsitzende. immer häufiger Worte seines Stellvertreters gedeutet, geradegerückt, heruntergespielt oder sich, wie zuletzt im Streit um die "Deutschtümelei", um Aussiedler und Asylbewerber, distanziert.

Vogel, man spürte es, ärgerte sich gewaltig. Aber Lafontaine auch. Er befinde sich nun in der Klemme, schimpft der Saarbrücker, weil die SPD "nicht kapiert", was er will. Da sein Selbstbewußtsein trotz des Dämpfers, den ihm der Parteitag von Münster bei der Wiederwahl an die Spitze verpaßte, eher noch gestiegen ist, macht das den Konflikt nur noch schwieriger.

So ist es zum ersten offenen Zusammenprall zwischen Vogel, Herta Däubler-Gmelin und Lafontaine im Präsidium gekommen. Das war am Montag. Für Lafontaine hatte schon vorher festgestanden, daß er seinem Ärger endlich einmal Luft machen will.