Don Manuel kehrt zurück

Madrid, Ende Oktober

Noch immer gehört es zu den Besonderheiten des spanischen Parteiensystems, daß sich rechts von den regierenden Sozialisten keine schlagkräftige Opposition etabliert hat. Nachdem Felipe Gonzáles zweimal hintereinander die absolute Mehrheit gewann, ist nicht der oft prophezeite Hauskrach bei den Sozialisten, sondern die Krise der konservativen Rechten zum Dauerthema geworden – und viel spricht dafür, daß die Suche nach einer politischen Alternative zur Regierungspartei bis zu den Parlamentswahlen im Jahre 1990 andauern wird. Denn wieder einmal provoziert ein Politiker eine öffentliche Debatte über das Selbstverständnis der Konservativen, der sich eigentlich für immer aus der offiziellen Politik Spaniens abgemeldet hatte: Manuel Fraga Iribarne, ehemaliger Minister für Information und Tourismus unter Franco, später Gründer der konservativen Alianza Popular, die über die Rolle einer zweiten Kraft im spanischen Parlament nie hinauskam. Resigniert, demoralisiert und gehetzt von einem jüngeren Partei-Establishment, das auf einen längst fälligen Generationswechsel drängte, trat der damals 64jährige Don Manuel im Dezember 1986 zurück, um sich nur noch der Regionalpolitik in seiner Heimat Galicien und seiner Arbeit im Straßburger Europaparlament zu widmen.

Spektakuläres Wendemanöver

Nun kommt der längst Abgefeierte in einem spektakulären Wendemanöver wieder und erklärt großspurig wie in alten Tagen, daß ihn "die geheiligten Interessen Spaniens" zur Rückkehr in die spanische Parteipolitik bewogen haben. Schon gilt als sicher, daß Fraga Iribarne beim Parteikongreß der Alianza Popular am 19. Januar des nächsten Jahres den Parteivorsitz zurückerobern wird, den er nach seiner Demission an den quirligen Mittdreißiger Hernandez Mancha verlor.

Schon heute überwiegt bei den meisten Parteimitgliedern die Einsicht, daß die Allianz seit dem Abgang von Fraga Iribarne immer kopfloser wurde. Nach einem verpatzten Mißtrauensvotum gegen die spanische Regierung gerieten Spaniens Konservative rasch in die politische Isolation, weil sie von früheren Bündnispartnern, den Christdemokraten und Liberalen, im Stich gelassen wurden; bei den Regionalwahlen im Juni in Katalonien erhielt die verjüngte Führungsequipe eine Abfuhr, als die Partei von bisher elf Mandaten fünf verlor, Die prophezeite Wende wurde zum Debakel. Schon damals überlegte Fraga Iribarne, ob er nicht wieder in das Madrider Parteihauptquartier zurückkehren solle.

Von der Politik besessen

Aber kann der alte, noch immer feurig-eloquente und von der Politik besessene Fraga Iribarne zum Herausforderer eines Politikers werden, der schon heute seinen dritten Wahlsieg mit absoluter Mehrheit anpeilen kann? Für Felipe Gonzales wäre jener "Mann aus der Vergangenheit", wie Fraga zuweilen genannt wird, gewiß der ideale Kontrahent: Der längst zum Staatsmann gereifte Regierungschef könnte dann das Bild eines modernen, zukunftsorientierten Landes leicht mit jenem alten Spanien kontrastieren, das der konservative Fraga Iribarne symbolisiert. Noch schweigt sich der wiederaufgetauchte Galicier verbissen darüber aus, mit welchem Programm eine erneuerte Allianz in die nächsten Europawahlen und danach in die Parlamentswahlen gehen soll. Reicht das von Fraga fast ein Jahrzehnt lang verfochtene Prinzip einer "natürlichen Mehrheit" noch aus, um in einer dynamischen, auf Wechsel und Veränderung eingestellten Gesellschaft eine bürgerlich-konservative Volkspartei zu etablieren? Wo wären die Anhänger einer solchen Gruppierung zu suchen: rechts von den Sozialisten oder nicht doch eher in der Mitte des Parteienspektrums, das von einem anderen alten Kämpen der spanischen Politik, dem Ex-Premier Adolfo Suárez und seiner Demokratischen Zentrumsunion beansprucht wird?

Don Manuel kehrt zurück

"In der Politik muß man auch in langen Zeiträumen denken", sinnierte Manuel Fraga Iribarne kürzlich in einem Gespräch mit ausländischen Journalisten. Viel spricht dafür, daß der alte Mann aus Galicien, zurückgeholt von seinen ratlosen Freunden, nach erfolgreicher Wiederwahl einen Politiker seiner Wahl aufbauen wird, um ihn dann als Herausforderer von Gonzales zu präsentieren – in der gewiß zwiespältigen Hoffnung, daß die Suche nach der verlorenen Rechten endlich zu jener "natürlichen Mehrheit" führt, die bis heute nur Spaniens Sozialisten für sich beanspruchen können.

Volker Mauersberger