Nach außen die solide Hausfrau, nach innen die entlaufene Pensionatstochter, so tritt Jane Birkin vor die Kamera: ein bißchen derangiert, doch aufgemacht; ein wenig scheu, doch das forciert. Sie trägt ein schweres Päckchen als jahrelang ausgebeutetes Medienmodell. Nun packt sie aus und stülpt als ein Zeichen ihrer Risikofreude auf den Stufen des Palais Chaillot ihre Handtasche um. Diese Aufrichtigkeit ist so affektiert wie das piepsige Stimmchen, das dem dazugehörigen Kopf Mut mit Saloppheit eingibt. Wie soll man alles sagen, wenn man nichts zu sagen hat?

In den letzten zwanzig Jahren trat die englische Schauspielerin vorzugsweise in Filmen auf, die ihren damals üppigen Körper und ihre heute noch dürftige Stimme ausstellten. Die Liste der Werke ist ein Monument undankbarer Nebenrollen: "Der Gentleman-Zinker", "Engel der Gewalt", "Eine Nummer zu klein", "Das wilde Schaf", "Der Tolpatsch mit dem 6. Sinn", "Das Böse unter der Sonne", "Beethovens Neffe". Aber die Erfahrung sozialer Erniedrigung in der Filmindustrie wird von den jüngsten Filmen mit Birkin wettgemacht, die ihren Übergang als einen ins Charakterfach veredeln wollen. Hat sie endgültig gebrochen mit dem Cliché des Püppchens, dem Image ausdauernder Verfügbarkeit?

Agnès Varda, die das Filmportrait "Jane B." unternahm, will ein neues Bild von ihrem Modell entwerfen. Sie filmt dokumentarische Szenen im Café, in Haus und Garten, Jane in Paris, Jane in London, Jane am Kochherd, Jane am Strand. Das wäre nicht weiter nennenswert, wäre es Varda nicht gelungen, ihr Portrait um neue Facetten zu erweitern. Janes Wunsch, sich zu verwandeln, wird der Kamera Befehl. Eben noch sinniert der Dialog der Frauen von romantischen Heldinnen, da geht die Phantasie schon in Erfüllung. Jeanne D’Arc, Calamity Jane, Tarzans Jane – Johannas Töchter aller Länder, vereinigt euch in diesem Film!

Die Risikobereitschaft dieses Unternehmens ist eine mit beschränkter Haftung. Zuflucht wird gesucht und in den Ikonen abendländischer Bilder und Mythen gefunden. Jane in Gemälden von Tizian und Goya, Jane als Ariadne im Labyrinth eines Spiegel-Kabinetts. Auch der Filmhistoriker hat etwas zu lachen. Gemeinsam mit der Schauspielerin Laura Betti übt Jane B. sich in einer Laurel & Hardy-Parodie – was der Zuschauer daran merkt, daß die Farbe des Films in Schwarzweiß umspringt, daß Frauen Männer spielen, die hier Maurel und Lardy heißen, und daß eine Tortenschlacht im Bäckerladen allzu naheliegt. Zu aller Gelegenheitskomik tritt die beiläufige Verfilmung einer französischen Redensart: "In die Apfel fallen" ("aus den Pantinen kippen, ohnmächtig werden"). Jane fällt also in die Äpfel, und Laura muß sagen: "Oh, sie ist in die Äpfel gefallen." Auf Bananen, sagt die Filmgeschichte, rutscht es sich eleganter aus.

An einem Punkt des fingiert dokumentarischen Interviews äußert Jane B. den Wunsch, eine Liebesgeschichte mit einem sehr jungen Mann zu erleben. Wie es sich ergibt in der großen Filmfamilie der Frauen Birkin und Varda, stehen der Sohn der Varda mit dem Regisseur Demy sowie Töchter der Birkin mit dem Sänger Gainsbourg und dem Regisseur Doillon zur Verfügung.

Alle spielen mit in dieser merkwürdig zeitgemäßen Idylle, die Varda so trefflich mit dem Ausdruck "ein Katzenkörbchen für die ganze Familie" bezeichnet. Damit der erotische Wunsch der Birkin nicht als kinderschänderisch eingestuft werden kann, wird er zum einen als gewöhnliches Kuschelbedürfnis verharmlost, zum anderen mit einem rätselhaften Bild des surrealen Malers Delvaux überhöht: darin tritt ein Knabe nackt durch die Tür eines Schlafzimmers, in dem eine nackte Frau wartet – diese Erwartung wird zerstreut.

Um der Zerstreuung Platz zu geben, inszenierte Agnes Varda nach dem Portrait "Jane B." einen Spielfilm: "Die Zeit mit Julien". Die Zeiten, in denen Knaben bei ihrer erotischen Einweihung noch Herzflimmern oder gar heftige Liebesschmerzen verspürten, sind passé. Die heutige Jugend, behauptet der Film, bezieht ihre Vorstellungen. aus Video-Spielen.