Die geplante Stillegung der Lenin-Werft ist eine Kampfansage an die Arbeiter

Von Helga Hirsch

Seit vier Wochen ist Mieczyslaw Rakowski Polens neuer Premierminister, vor zwei Wochen stellte er seine Regierung vor. Hatten einige noch gehofft, es sei ihm ernst mit der versprochenen politischen Öffnung, weil er vier Ministersessel für Parteilose freihielt, so rückt die jüngste Maßnahme seiner Regierung die Chancen für einen Dialog mit der Opposition wieder in weite Ferne. Ausgerechnet bei der Danziger Lenin-Werft will Rakowski sein wirtschaftliches Sanierungsprogramm beginnen. Er will jenen Betrieb schließen, in dem sich vor acht Jahren der politische Widerpart formierte, den als Verhandlungspartner bei den "Gesprächen am runden Tisch" anzuerkennen er sich heute weigert.

Unter den augenblicklichen politischen Bedingungen kann Rakowskis Entschluß gar nicht anders als ein Schlag gegen Solidarność verstanden werden. Spontan kommentierte Arbeiterführer Lech Walesa die bereits für den 1. Dezember geplante Stillegung als "politische Provokation". Hier steht mehr als die Rentabilität eines Betriebes zur Debatte; hier geht es um die Glaubwürdigkeit der Regierung und um eine der vermutlich letzten Chancen für eine friedliche Übereinkunft zwischen Regierung und Opposition. Riskiert Rakowski das Kräftemessen, wird er nur aufwerten, was er zu zerstören trachtet: die Lenin-Werft als Symbol für Polens unabhängige Arbeiterbewegung, Es scheint, als würde sie erneut zum Austragungsort für gesellschaftliches Autonomiestreben – so wie damals am 14. August 1980.

"Ich fuhr mit der Straßenbahn zum Streik. Allein. In den entscheidenden Augenblicken ist man meistens allein. Ich hatte es nicht eilig. Ich hatte die Sirenen schon zu Hause gehört und gewußt, daß alles anfing." So schildert Lech Walesa in seiner Autobiographie den Beginn jenes großen Auguststreiks, aus dem die unabhängige Gewerkschaft Solidarność hervorgehen sollte. "Am Tor II drängte sich schon eine aufgebrachte Menge, aber am Eingang wurde noch immer genau kontrolliert. Ich hatte schon seit Jahren Hausverbot auf dem Werftgelände. Also bog ich nach rechts ab und gelangte durch einen schmalen Durchgang zwischen dem ersten und zweiten Werfttor zur Mauer. Ich sprang hinüber. Jetzt lag alles an mir."

Der damals im Westen völlig unbekannte 36jährige Elektriker Lech Walesa aus der kleinen Streusiedlung Popowo irgendwo am nördlichen Lauf der Weichsel war von der "Freien Gewerkschaft" in Danzig als "Anführer" des Streiks ausersehen, weil er jahrelang auf der Werft gearbeitet und schon den Streik im Dezember 1970 mit getragen hatte. "Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, daß dieser August zu früh kam", erinnert sich Walesa, "daß wir eigentlich noch ein, zwei Jahre gründlicher Vorbereitung gebraucht hätten. Zwar hatte ich in meinen Zukunftsplänen mit diesen Ereignissen gerechnet, aber unserer Gewerkschaftsgruppe fehlten einfach noch klare Konzepte. Nun rissen uns die Ereignisse mit, wir hatten keine Wahl – wir mußten vorwärts."

Geburtsstätte von Solidarnosc