Spaniens längster und wohl spektakulärster politischer Entführungsfall ging unblutig zu Ende: Die baskische Untergrundorganisation ETA ließ den Immobilienkaufmann und ehemaligen Wurstfabrikanten Emiliano Revilla frei. Das geschah fast genau dort, wo der ahnungslose Industrielle vor genau acht Monaten und sechs Tagen mit vorgehaltener Pistole in ein Auto gezerrt und in ein unterirdisches "Volksgefängnis" verschleppt worden war.

Auf diverse Auslandskonten waren umgerechnet 15 Millionen Mark Lösegeld eingezahlt worden. Zweimal hatte die spanische Regierung die Überweisungen dieser Summe mit dem Argument verhindert, daß jede Nachgiebigkeit gegenüber den Terroristen zur Nachahmung ermuntern könne: Seit dem Jahre 1970 hat es in Spanien siebzig Entführungen durch die ETA gegeben, von denen 23 nach der Übergabe meist hoher Lösegelder beendet wurden. Insgesamt flossen dabei umgerechnet 44 Millionen Mark in die Kassen der baskischen Untergrundorganisation.

Das zynische "Paktieren" der ETA mit der Familie des Opfers wurde in fragwürdiger Weise belohnt. Vom ersten Tag der Entführung an verfochten die Angehörigen Revillas das Ziel, das Lösegeld an den spanischen Sicherheitskräften vorbei an die Adresse eines Terroristenkommandos zu schleusen, von dem bisher jede Spur fehlt. Nach dem glimpflichen Ausgang der Entführung wird in Spanien darüber diskutiert, ob ein konsequentes Handeln des Staates nicht doch den Vorrang vor allenmenschlichen Erwägungen haben müßte.

Wenige Stunden bevor Revilla in Madrid auf freien Fuß gesetzt wurde, verlor in Bilbao ein 36jähriger Nationalpolizist sein Leben. Aus einer Distanz von zweihundert Metern erschoß ein ETA-Kommando den Beamten, der sich nichtsahnend vor dem Eingang seiner Dienststelle aufgehalten hatte. V.M.