Betrübliche Zeiten. "Daß man aber hier im ganzen die Flügel hängen läßt und die Aufklärung rückwärts geht", notierte der dänische Theologe Frederik Münter auf einer Reise an den deutschen Rhein 1791 in sein Tagebuch, das "ist gewiß." Die Symptome erscheinen ihm nur allzu klar: "Vor einigen Jahren war an einem Orte hier im Lande ein Marien(stand)bild, dem man Lilienstengel in die Hand steckte; diese wurden durch Regen oder sonst feucht, und die Blätter schlossen sich auf, welches etwas ganz Gewöhnliches ist. Man schrie gleich zum Mirakel und fing Wallfahrten an. Die wurden verboten. Nun aber sind sie wieder erlaubt."

Betrübliche Zeiten, lange vorbei. Mirakel, Wundersames – das kümmert keinen mehr, das ist allenfalls Stoff noch für die letzte Seite, "Vermischtes", und selbst die Kirche übt sich qualvoll im Ignorieren. Mächtig hat die Aufklärung ihre Flügel wieder gehoben. Die allerletzten Reliquien sind entmystifiziert: Das heilige Linnen zu Turin wurde als ein aller Wunder bares Stoffkunstwerk entlarvt, und das Blut des heiligen Januarius, das sich ab und an zu festlicher Stunde verflüssigt, scheint für dieses Tun wohl auch seine guten chemikalischen Gründe haben.

Das alles also ist längst kein Diskussionspunkt mehr – allenfalls Privatsache. Und wer, vom Leiden verzehrt, im Sonderzug nach Lourdes pilgert, Heilung erbittend, oder auch nur vor der Urlaubsreise in die Berge seinen Fiat-Panda noch rasch vom Dechant segnen läßt – nun, dem sei dies, nicht wahr, unbenommen und gegönnt.

Im öffentlichen Geschehen jedenfalls, in der (großen) Politik, bleibt kein Platz für Wunder. Ja, sieht man in der Zeitung oder in den Fernsehnachrichten die "Verantwortlichen", ihre blassen Gesichter hinter den getönten Dienstwagenfenstern oder vor der heftig gemusterten Holztäfelung irgendeines ihrer trostlosen Verhandlungssäle, oder beobachtet man im IC "Meistersinger" (oder "Parzival"), einen dieser steril elegant bekleideten Herren, wie er, die Zahlenkombination des messingenen Sicherheitsschlosses glücklich memorierend, das flache Wildziegenlederköfferchen öffnet, um ihm die neue Ausgabe des Handelsblatts zu entnehmen – dann, ja, dann verspürt man sogar so etwas wie die absolute Gewißheit, daß Wunder und Wunderglauben in der Welt von heute nun wirklich keine Rolle mehr spielen.

Und doch: Vorsicht! Denn nichts wäre abwegiger, als anzunehmen, daß die "Verantwortlichen", die Damen und Herren hinter ihren Dienstwagenfenstern und Fernsehmikrophonen, Ungläubige seien. O nein, ganz im Gegenteil. Sie wissen, und sagen es uns oft genug: Was immer auch geschieht – es kann gar nichts passieren. Wie schlimm es kommen mag, wir alle sind in Gottes Hand.

Was sonst gäbe ihnen, den Festungsbauern und Fortschrittsstrategen, den Aufrüstern und Abholzern zwischen Wackersdorf und Sumatra, diese Sicherheit, diese Überzeugtheit für ihr Tun? Im Vergleich mit ihnen erscheinen ihre "Vorgänger", die Fürsten und Gutsherren, die reichen Kaufleute und mächtigen Äbte des Mittelalters, nur noch als verschreckte Kleingläubige, ohne jedes echte Gottvertrauen. Ständig in Angst vor dem Zorn des Allmächtigen, lebten sie eingeschüchtert dahin, bauten wie panisch riesige Dome, hielten Wallfahrten ab und speisten, Gottes Gunst erheischend, pausenlos die Armen.

Die Macher von heute dagegen, all die Verwalter, die Planer und Manager rund um den Globus – über ihre Computer, auf Millionen Disketten, die Welt fest im Griff –, sie alle, daran kann es keinen Zweifel geben, sind sich ihres Gottes absolut sicher. Sie brauchen weder Zeichen noch Wunder, bauen weder Dome noch Wallfahrtskirchen; sie wissen ganz einfach, daß alles, was sie tun, zu unser aller Segen geschieht.

Selbst wenn die verseuchten Meere ans Land hupften oder ein zerborstener Reaktor einen halben Kontinent unter Strahlenwolken erstickte oder gar tatsächlich einmal die Ozonschicht risse: Es kann uns nichts geschehen. Alles wird gut werden, und ob die Lilienblüten irgendeiner Marienstatue sich nun auf rätselhafte Weise öffnen oder nicht, ob das Blut des heiligen Januarius flüssig wird oder nicht, der wahre Glauben der Macher bedarf dieser lächerlichen Beweise nicht. Sie wissen, und dieses Wissen liegt über allen ihren monströsen Projekten, vom Jäger 90 bis zum Ganges-Staudamm: Am Ende, das ist sicher, wird ein Wunder uns schon retten. Benedikt Erenz