Karlsruhe

Das bist ja du! – Ja, und das ist mein Bruder Rolle, und der da, das ist Moshe. Hier, der Kleine!" Der "Kleine" ist jetzt auch da, steht daneben und wird von dem "Groden" in den Arm genommen. Zwei alte Männer kämpfen mit den Tränen der Wiedersehensfreude. "Oh, I’m sorry", platzt, erleichternd, die elegante Dame aus New York dazwischen: "Ich bin so aufgeregt."

Es ist morgens halb zehn, eine etwa zweihundertköpfige Gruppe erlebt die soeben eröffnete Ausstellung "Juden in Karlsruhe". Sie sind selbst Juden, ehemalige Karlsruher, zwischen 60 und 90 Jahre alt. Sie sind aus Frankreich, der Schweiz, den USA, Australien und Neuseeland gekommen. Die Stadtverwaltung hatte allen 580 ihr bekannten ehemaligen jüdischen Mitbürgern geschrieben. Die Mehrzahl nahm die Einladung und das Angebot an, sich von einem Angehörigen begleiten, zu lassen – 850 insgesamt. Vom 10. bis 17. Oktober kamen 570 Ehemalige, die übrigen werden in der nächsten Woche kommen – und vom 9. auf den 10. November, wenn sich die "Reichskristallnacht" zum fünfzigstenmal jährt, in der Stadt ihrer Kindheit und ihrer Verfolgung schlafen.

Die Sehnsucht nach der Wiederbegegnung mit der Stadt, den Nachbarn und Bekannten von damals, jüdischen und anderen, muß groß gewesen sein. Viele Antwortbriefe auf die Einladung berichten vom Heimweh der einst brutal Vertriebenen. Ein Ehepaar schrieb gar auf einer nach Amerika hinübergeretteten Kostbarkeit, auf Büttenpapier aus dem Jahr 1936 mit dem Bild der evangelischen Stadtkirche und des Rathauses. Nur zu ganz besonderen Anlässen haben sie in den vergangenen 52 Jahren ein Blatt davon benutzt. Und Herman Greenwald drückte wohl das Gefühl vieler aus, als er auf der Busfahrt vom Flughafen nach Karlsruhe sagte, nun könne er in Frieden sterben. Herman Greenwald starb, neunzigjährig, in der ersten Nacht in seiner Geburtsstadt.

Viele jedoch sind nur zögernd der Einladung gefolgt. Ein sechzigjähriger Architekturprofessor aus Jerusalem ist skeptisch: "Wir fragen uns nach den Gründen, den ehrlichen, tiefliegenden Gründen einer solchen Veranstaltung." Uberzeugt hat ihn erst die Begrüßungsansprache von Gerhard Seiler. "Unseren Oberbürgermeister", nennt ihn der aus Karlsruhe Vertriebene versehentlich und verbessert sich: "Euer Oberbürgermeister unser, euer,... sehen Sie, wie wir uns noch identifizieren, nach so vielen Jahren. Es ist unglaublich ... Wie andere hat auch er dem Stadtarchiv für die Ausstellung unersetzbare Erinnerungsstücke geliehen. Er zeigt auf das Bild eines Mannes in Soldatenuniform, feldmarschallmäßig: "Das ist mein Vater selig, Kaufmann Simon Blochinski, im 1. Weltkrieg Offizier der Fernmeldetruppen, erst in Frankreich, dann in Rußland." Am 1. April 1933 gehörte er zu jenen jüdischen Geschäftsleuten, gegen die in Karlsruhe die erste Boykottaktion lief. Schnell hatte sich die Lage der jüdischen Bevölkerung grundlegend geändert. Dabei war Baden seit gut 200 Jahren vergleichsweise ein Hort ihrer Emanzipation und Integration gewesen.

Schon 1717, zwei Jahre nach der Stadtgründung, hatte sich Salomon Meyer in Karlsruhe niedergelassen, wohl versehen mit einem prächtigen Schutzbrief des Markgrafen Karl Wilhelm. Ihm folgten viele weitere "Schutzjuden" in die neue Residenz. Hier wurde 1754 der "Korban Natanael", der berühmte Talmudkommentar des Rabbiners Nathanael Weil gedruckt. Und 1848 hatte Karlsruhe seinen ersten jüdischen Stadtrat. Die jüdische Bevölkerung brachte die Finanziers und Pioniere der Industrialisierung Badens, Pianisten, Dichter, Wissenschaftler hervor, darunter der Karlsruher Physiker und Nobelpreisträger Heinrich Hertz. Der Sozialdemokrat Ludwig Marum, der nacheinander Stadtrat, Landtagsabgeordneter, badischer Minister, dann Staatsrat und Reichstagsabgeordneter war, wurde als einer der ersten von Nationalsozialisten ermordet.

1933 zählte Karlsruhe 3358 Juden. 2027 konnten sich in die Emigration retten, 729 sind in Konzentrationslagern umgebracht worden. 210 Karlsruher Juden starben in Gurs und anderen Lagern im unbesetzten Süden Frankreichs. Ihren Leidensweg zeichnet eine jetzt erschienene Veröffentlichung des Stadtarchivs auf über 500 Seiten nach.