Von Max Kohnstamm

BRÜSSEL. – Jean Monnet war ein Mann der Tat. Um das zu erkennen, braucht man sich nur vor Augen zu führen, wie der Bau Europas, der immer wieder von unüberwindbar erscheinenden Hindernissen blockiert wurde, dennoch vorangekommen ist, mal kaum merklich, mal mit großen Schritten.

Manche halten Monnet für einen Technokraten. Aber das hieße, den Charakter dieses Mannes zutiefst zu verkennen. 1953, als die erste Europäische Gemeinschaft, die für Kohle und Stahl, noch in den Kinderschuhen steckte, berichtete ich ihm einmal, was alles während seiner Abwesenheit im August geschehen sei. Nachdem er mir eine Zeitlang geduldig zugehört hatte, unterbrach er unseren Spaziergang in seinem Garten, packte mich am Revers meines Jacketts und sagte: "Das ist ja alles sehr wichtig. Aber was ist unsere Haltung zu Washington, was ist sie zu Moskau?"

Und es war auch kein Technokrat, der mir zehn Jahre später folgenden Zettel zuschickte: "Seit 1950 ist es das Ziel der euorpäischen Integration, den Geist der Überlegenheit und Vorherrschaft zu unterdrücken, der so lange die verschiedenen Nationen Europas beherrscht hat – der die Kriege ausgelöst hat und fast zum Untergang Europas geführt hat und der, wenn er nicht erstickt wird, auch noch den Untergang der Welt hervorrufen kann.

Wie soll das geschehen? Wir müssen zwischen den Staaten die Prinzipien der Staaten selbst und der Zivilisation anwenden: Gesetze und Institutionen.

Europa schaffen, das heißt, ein Gleichgewicht mit den Vereinigten Staaten herstellen. Mit der dadurch möglichen Partnerschaft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten rückt zugleich die Übereinkunft zwischen Ost und West in greifbare Nähe, und das ist der Beginn der Organisation des Friedens."

Wie oft habe ich ihn sagen hören, wenn er wieder einmal fand, daß ihm jemand ein technisches Problem vortrug und sich dabei in zu viele Details verlor: "Ich verstehe nicht, was sie sagen, und ich will es auch nicht verstehen!"