Von Erika Martens

Eigentlich hatte sich Günter Volkmar, der bisherige Vorsitzende der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), eine Frau als Nachfolgerin gewünscht. Aber die SPD-Politikerinnen Anke Fuchs und Renate Schmidt winkten von vornherein ab, und Volkmars Favoritin, die SPD-Bundestagsabgeordnete Herta Däubler-Gmelin, verzichtete, als in der Organisation der Unmut über die Kandidatur einer Außenseiterin unüberhörbar wurde. In den eigenen Reihen freilich fand der scheidende Chef keine geeignete Frau für den Spitzenposten.

Dabei müßte die Auswahl gerade in der HBV groß sein, denn unter den DGB-Organisationen ist sie diejenige mit dem höchsten Frauenanteil. 59 Prozent der rund 390 000 Mitglieder sind Frauen, und unter den Betriebsräten im Organisationsbereich beträgt ihr Anteil immerhin schon 41 Prozent. Überdies verdankt die "Nobelgewerkschaft" (DGB-Jargon) vor allem in den vergangenen Jahren ihr stetiges Wachstum vornehmlich der steigenden Zahl weiblicher Mitglieder. Volkmars Versuch, diesen Tatsachen Rechnung zu tragen, schlug allerdings fehl. Die sechstgrößte DGB-Organisation ist und bleibt fest in Männerhand.

Lorenz Schwegler, der neue HBV-Chef, fühlt sich dennoch nicht als zweite Wahl. Er habe sich nach dem Amt nicht gedrängt, sagt er, sei aber bereit, sich der Aufgabe zu stellen. Der 44jährige Jurist entspricht ebensowenig wie Volkmars ursprüngliche Kandidatinnen dem typischen Bild des gestandenen Gewerkschaftsfunktionärs. Doch die Zeit der alten Haudegen in den Chefetagen der Gewerkschaften ist ohnehin fast vorbei. Heinz Kluncker (ÖTV) und Eugen Loderer (IG Metall), Heinz Oskar Vetter (DGB) und Karl Hauenschild (IG Chemie) haben einer neuen Generation Platz gemacht. Ihr haftet nicht mehr der unverwechselbare "Stallgeruch" der Organisation an. Im Gegenteil. Ihre Vertreter könnten genausogut in Unternehmen, Verwaltungen oder in der Politik eine Rolle spielen. Franz Steinkühler gehört dazu ebenso wie Monika Wulf-Mathies und Lorenz Schwegler.

"Einiges an Geruch" meint Schwegler allerdings mittlerweile angenommen zu haben. Er begann seine Karriere 1971 als Referent für Arbeits- und Wirtschaftsrecht beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des DGB (WSI), wechselte 1972 in die Abteilung Gesellschaftspolitik beim DGB-Bundesvorstand und wurde 1977 Abteilungssekretär bei der HBV. Drei Jahre später rückte er in den Geschäftsführenden Hauptvorstand der Gewerkschaft auf und war dort zuständig für die Bereiche Banken, Versicherungen und Arbeitsrecht. Lorbeeren erntete er, als es ihm im vergangenen Herbst gelang, die Bankangestellten, bislang eher vornehm zurückhaltend in Arbeitskämpfen, in einen vielbeachteten Streik zu führen.

Karriere hätte Schwegler, der seine beiden Examina mit "gut" bestand – für Juristen eine Traumnote –, freilich auch in der Wirtschaft machen können. Und er war nahe dran. Zwar stammt Schwegler aus einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus, doch das Jurastudium hatte ihm "ein gewisses Elitebewußtsein eingeblasen". Das wurde ihm klar, als er in einem Projektauftrag für ein Großunternehmen die Rentenansprüche der Mitarbeiter untersucht hatte.

Die Firma war mit dem Ergebnis hochzufrieden, der Betriebsratsvorsitzende dagegen ganz und gar nicht. Er warf dem Autor der Studie vor, daß er durch seine Arbeit Menschen um wertvolle und existentiell wichtige Ansprüche gebracht habe. "Da bekam ich einen Riesenschrecken", erinnert sich Schwegler, "und fragte mich, warum ich das eigentlich nicht selbst gemerkt habe. Was hatte ich gelernt zu übersehen?" Sein Entschluß stand nun fest: "Ich wollte meine juristische Qualifikation nutzen, um mit den Ergebnissen meiner Arbeiten gut schlafen zu können."