Es scheint, daß sich der Parlamentarische Rat zur Zeit über die vorläufige Bundeshauptstadt ebensowenig einig ist wie über die vorläufige Verfassung.

Seit mehr als einem Jahr werden in Frankfurt Büroräume und Wohnungen für die bizonalen Verwaltungen gebaut. Über 3000 Büros sind bereits fertig, 1000 weitere werden es in Kürze sein. Mit einem Kostenaufwand von vielen Millionen wurden Hunderte von Wohnungen und Hotels wieder hergerichtet. Die Paulskirche bietet für die Vollversammlung des Parlaments einen großen, repräsentativen Raum. Die Fraktionssitzungen könnten im Gebäude des Wirtschaftsrates stattfinden, das nur wenige Minuten von der Paulskirche entfernt ist. Die Militärbehörden amtieren im Verwaltungsgebäude der I. G., also sozusagen vor der Nase, und sie denken nicht daran, von dort wegzuziehen. Fast nichts brauchte in Frankfurt geändert und relativ wenig brauchte dazugebaut zu werden, um den in Bundesministerien umgewandelten Verwaltungen und dem zu einem Parlament gemachten Wirtschaftsrat verhältnismäßig gute Arbeits- und Unterkunftsmöglichkeiten zu geben. So sollte man also zu dem Urteil kommen: Selbstverständlich bleibt die Regierungszentrale dort, wo sie de facto bereits ist – in Frankfurt.

Aber das erscheint nur dem gesunden Menschenverstand so. Die Politik, die deutsche wenigstens, hat ihre eigenen Gedankenwege. Was führen die Leute, die den Regierungssitz durchaus nach Bonn verlegen wollen, für Gründe an? Angeblich wäre man dort dem Einfluß der amerikanischen Militärbehörden mehr entzogen. Wie bitte? Im Zeitalter des Telephons, des Autos? Aber es gäbe doch Dinge, so hört man dann, die man eben nur mündlich besprechen könne. Nun, dann wird sich eben Tag für Tag eine unübersehbare Autokavalkade von Bonn nach Fankfurt und in umgekehrter Richtung in Bewegung setzen, um Staub aufzuwirbeln – nicht nur auf den Straßen. Da hat einer gar den Vorschlag gemacht, es könnten ja die Verwaltungen in Frankfurt bleiben, der Regierungssitz sollte aber nach Bonn verlegt werden. Soll das Parlament zu jeder Besprechung den zuständigen Referenten erst aus Frankfurt holen? Wieder ein anderes Argument lautet: Bonn wäre das Symbol des Provisoriums der ganzen Lösung. Als ob das nicht durch einen einzigen Satz im Grundgesetz erreicht werden könnte, des Inhalts etwa: Berlin ist die Hauptstadt des Bundes, solange aber aus Gründen höherer Gewalt...Haben wir Deutschen wirklich kein Gefühl für das politisch und psychologisch Zumutbare? Ministerpräsident Graf Taaffe wurde einst anläßlich Vorverhandlungen über einen nationalen Ausgleich in Österreich-Ungarn von einem Verhandlungspartner gefragt: "Was werden wohl nach Ihrer Meinung, Graf, die Deutschen dazu sagen?" Er erwiderte sarkastisch: "Weiß ich denn, was das dümmste ist?" R. S.