Von Shahram Chubin

GENF. – Auch zehn Wochen nach dem Waffenstillstand kommen die Verhandlungen zwischen dem Iran und dem Irak darüber, wie der achtjährige Krieg formell zum Abschluß gebracht werden kann, kaum vom Fleck. Das ist nicht weiter überraschend. Natürlich wäre es besser, wenn der Konflikt durch direkte Verhandlungen zwischen ihnen beigelegt werden könnte. Aber es gibt kaum Anlaß zur Hoffnung, daß es ihnen gelingen wird, wenn sie sich selbst überlassen bleiben.

Die internationale Völkergemeinschaft darf in dieser Bemühung nicht beiseite stehen. Zum einen macht es nicht nur für die kriegführenden Parteien etwas aus, ob in dieser Region mit ihrer strategischen Bedeutung der Waffenstillstand zu einem dauerhaften Frieden oder zu chronischer Instabilität mit neuen Waffengängen führt. Zum andern kann der Ausgang der Verhandlungen die Entwicklung der inzwischen erschöpften iranischen Revolution, die demnächst zehn Jahre alt wird, maßgeblich beeinflussen. Und schließlich kann der Uno-Sicherheitsrat, der so umsichtig und vorsichtig den Waffenstillstandskompromiß einleitete, nun die Hände nicht in den Schoß legen.

Zur Zeit sieht es zwar nicht so aus, als wolle eine der beiden, immer noch formal im Krieg befindlichen Parteien die Feindseligkeiten neu eröffnen. Aber nirgendwo ist die Zukunft so ungewiß wie im Nahen Osten.

Beide Staaten haben den Krieg verloren. Aber sie sind unterschiedlich aus dem Konflikt hervorgegangen. Der Irak fühlt sich als Sieger; der Iran, als sei nun der Wendepunkt der Revolution erreicht. Jetzt muß die Selbstzufriedenheit des Irak, die fast an Arroganz grenzt, durch einen neuen Sinn für die Realitäten gemildert werden. Denn die für den Irak schmerzhafte Realität liegt in der Vergänglichkeit seiner gegenwärtigen Machtposition. Iran ist nun einmal der größere, gewichtigere Staat. Das Unsicherheitsgefühl der Iraker trägt zweifellos zu ihrer Hartleibigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber völkerrechtlichen Regeln bei. Wenn der Irak als ausreichend stabiler Staat aus dem Krieg hervorgehen soll, dann ist es nötig, diesem Unsicherheitsgefühl wenigstens teilweise Rechnung zu tragen.

Für den Iran liegt das Problem ebenfalls auf psychologischer Ebene. Aber es hat nichts mit Territorialansprüchen zu tun, sondern mit der Überzeugung des Revolutionsregimes, der Krieg sei ihm vom Irak "aufgezwungen" worden, und mit der tiefen Verstimmung über die Art und Weise, wie die iranischen Klagen in der Welt weitgehend mißachtet, der Irak aber mit modernen Waffen versorgt wurde. Die Raketen, Bomben und chemischen Munitionen prasselten auf die iranische Zivilbevölkerung nieder, während sich im Westen kaum ein selbst milder Protest hören ließ (von der einsamen und beachtlichen Ausnahme der Bundesrepublik abgesehen).

Der Iran bedarf jetzt einer gewissen internationalen Anerkennung für seine Position, einer moralischen Geste. Alles, was die gegenwärtigen Versuche einer politischen Wende im Iran untergräbt, wird jene Kräfte im Lande stärken, die Konfrontation und permanente Revolution innerer Ordnung und internationaler Zurückhaltung vorziehen. Ein "aufgezwungener Friede", der den Klagen Irans keinerlei Rechnung trägt, würde nur Dolchstoßlegenden auslösen und im Lauf der Zeit den Ruf nach einem Rachefeldzug wieder ertönen lassen.