Von Christian Hacke

In früheren Jahren bin ich seinen Büchern und autobiographischen Aufzeichnungen in den Antiquariaten geradezu nachgejagt, oft, um sie weiterzuverschenken. Diese Jagd hat nun ein Ende, seitdem – abgesehen von seinen Tagebüchern, deren Edition derzeit in Marbach vorbereitet wird – seine wichtigsten Schriften in einer Taschenbuch-Kassette dreibändig vorliegen:

Harry Graf Kessler. Gesammelte Schriften herausgegeben von Cornelia Blasberg und Gerhard Schuster

3 Bände; Bd. 1: Gesichter und Zeiten; Bd. 2: Künstler und Nationen; Bd. 3: Walther Rathenau; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1988; 480, 347, 396 S., je Bd. 24,80 DM.

Harry Graf Kessler, 1868 in Paris geboren und 1937 in Lyon gestorben, verbrachte seine Jugend in Frankreich, England und in Deutschland. Er war in Europa zu Hause. Aufgrund seiner Herkunft, Sohn eines geadelten Hamburger Kaufmanns und einer irischen Mutter aus erstklassiger Familie, verkehrte er in den ersten politischen und künstlerischen Kreisen. In seinen Erinnerungen schildert er, wie er als Sechsjähriger 1884 am Bett des durch ein Attentat verletzten Fürsten Bismarck stand und ihm im Auftrag der Eltern einen Blumenstrauß überbrachte.

Erste Berühmtheit erlangt Kessler als Mitbegründer der Literaturzeitschrift PAN (1895 – 1900). Später wurde er Leiter des Weimarer Museums für Kunst und Kunstgewerbe. Mit gewagten Ausstellungen, zum Beispiel von Rodin, sorgte er für Skandale. Schon frühzeitig wurde er – nicht nur kulturell gesehen – zum ironischen Kritiker der spätwilhelminischen Gesellschaft. Sein fast manisches Engagement für die von ihm 1913 begründete Cranach-Presse bezeugt, daß das Buch für ihn mehr als alles andere bedeutete. Schöne und kostbare Bücher zu verlegen, wurde eine seiner Leidenschaften.

Er war aber nicht nur Homme de lettres, sondern auch Weltmann im Sinne von Weitläufigkeit. Der kosmopolitische und nervöse Kessler suchte vor den Setzkästen und der Handpresse, an der er seit seiner Schulzeit in England mit Leidenschaft gearbeitet hat, auch Ruhe und Ausgeglichenheit.