Messungen belegen einen stark reduzierten Ozon-Abbau am Südpol

Von Hans Schuh

Der Gegensatz ist nicht ohne Pikanterie: "Eigentlich ist nichts mehr zu retten", so überschrieb die Süddeutsche Zeitung am 20. Oktober einen Bericht über die Zerstörung der Ozonschicht, die "sich allenfalls noch verzögern" lasse. Und das Hamburger Magazin Der Spiegel, in der Katastrophenberichterstattung meist hautnah dabei, betitelte in der vergangenen Woche eine große Ozon-Story so: "Es. geht darum, unsere Haut zu retten". Infolge des Ozonabbaus drohe "eine Umweltkatastrophe von globalem Ausmaß". Daß der "unheilvolle Prozeß schon begonnen" habe, belege unter anderem das "wachsende ’Ozonloch’ über der Antarktis. Dort beschleunigt die extreme Kälte den Ozonabbau, der während der Monate August bis Oktober schon 60 Prozent erreicht".

Dagegen berichtete die britische Wissenschaftszeitschrift Nature am 20. Oktober (Bd.335/88, S.657) von "überraschenden neuen Ozon-Daten eines Nasa-Satelliten". Das diesjährige Ozon-Loch in der Antarktis werde viel flacher ausfallen als im vergangenen Jahr. Die Himmelssonde Nimbus-7 der Nationalen US-Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa habe lediglich eine 15prozentige Abnahme der Ozonkonzentration im Monat September festgestellt im Vergleich zu einer Reduktion von 50 Prozent im Vorjahr. "Das Ozon-Loch von 1988 verspricht das kleinste seit 1982 zu werden und folgt zum erstenmal nicht dem generellen Muster der Zerstörung", schrieb Nature. Das Geschehen verdeutliche "die vielen noch unbeantworteten wissenschaftlichen Fragen betreffend die Beziehungen der antarktischen Luft zu der übrigen Atmosphäre".

Gestörter Riesenwirbel

Mark Schoeberl vom Goddard Space Flight Center der Nasa bei Washington bestätigte auf Anfrage, daß es sich hier nicht um eine kurzfristige Schwankung handelt, die sich im Laufe des jetzigen antarktischen Frühlings (das Ozondefizit war bisher in den Monaten September/Oktober am größten) noch grundlegend ändern könnte: "Der Trend ist eindeutig und mittlerweile von zwei Satelliten und Bodenmessungen bestätigt", sagt er. "Nach unseren bisherigen Auswertungen war das Minimum der Ozonkonzentration etwa um den 15. September erreicht, seit Oktober ist ein Anstieg zu verzeichnen mit einer Tendenz zur Auflösung des Lochs."

Während viele Wissenschaftler, ähnlich wie das britische Fachblatt, auf die neuen Ozondaten mit Verwunderung reagieren, finden die Nasa-Forscher die Wandlung des Ozon-Lochs zur Ozon-Delle keineswegs erstaunlich: "Voraussetzung für die Bildung des Ozon-Lochs ist ein Luftwirbel, der sich wochenlang über dem Südpol hält und der die dortige Stratosphäre abschottet von der übrigen Luft. Gerade dadurch wird der Zufluß von Ozon aus sonnigen südlichen Gefilden, wo es hauptsächlich entsteht, unterbunden", erklärt Mark Schoeberl. "Mit dem südpolaren Wirbel ist es nun ähnlich wie mit einem Hurrikan: manchmal entsteht er, weil die atmosphärischen Bedingungen entsprechend sind, manchmal dagegen nicht. Das Ozon-Loch reagiert deshalb sehr empfindlich auf die Dynamik der Atmosphäre."