Von William Pfaff

PARIS. – Die britische Premierministerin Margaret Thatcher will von der Idee eines überstaatlichen, vereinten Europas nichts vissen. Statt dessen soll, wenn es nach ihr geht, die Europäische Gemeinschaft ein großer kommerzieller Markt werden – aber auch nicht mehr. Frau Thatcher hat die Gefahr angeblicher "sozialistischer Ideen" ausgemacht, die in Brüssel und iisbesondere von dem französischen Sozialisten und Präsidenten der Kommission, Jacques Delors, vertreten würden.

Zum Teil sind diese Äußerungen von Frau Thatcher natürlich bewußt übertrieben, um den politischen Vorurteilen jener Gruppe in ihrer konservativen Partei Nahrung zu geben, die wie Nancy Mitfords unverwüstlicher Onkel Matthew überzeugt sind, daß "Fremde Feinde sind", daß "das Ausland unerträglich" und der europäische Kontinent von Hunnen, Froschfressern und kaltem bevölkert ist. Aber dahinter steht auch eine ernstzunehmende Überlegung.

"Thatcherismus" ist das Produkt einer sehr britschen volkswirtschaftlichen Tradition, der sogenannten Manchester-Schule, die im 19. Jahrhundert auch nach Amerika exportiert wurde. Ihre Grundthese: Je weniger Staatseinfluß auf die Wirtschaft ausgeübt wird, desto besser. Die unsichtbare Hand des Marktes werde alles schon zum Besten aller regeln.

Aber das sind Lehren, die auf dem europäischen Festland nur wenig Einfluß entfaltet haben. Westeuropa wurde statt dessen zutiefst geprägt von marxistischen und sozialistischen Vorstellungen auf der einen, von ständischen Ideen auf der anderen Seite.

Die Soziallehre der römisch-katholischen Kirche hat stets die Sozialverantwortung des Staates betont und die rein materiellen Werte des Marktes verworfen. Diese Sozialvorstellungen prägten auch die christlich-demokratischen Bewegungen, die nach dem Krieg in Westdeutschland, in Frankreich und Italien aufkamen. Und diese Bewegungen wurden zugleich zur wichtigsten Kraft bei der Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft.

Weltlicher Korporatismus war übrigens auch Teil der faschistischen Ideologie in den zwanziger und dreißiger Jahren. Immerhin wurden die großen Staatsunternehmen des modernen Italiens von Faschisten gegründet. Spanien und Portugal wurden erheblich von katholischen wie von faschistischen korporativen Vorstellungen beeinflußt, von Marxismus und Anarchismus nicht zu reden.