Was früher der primitive Sperrhaken war, den sich die Ganoven zurechtbogen, um damit hinter den Türen fremder Menschen Beute zu machen, das ist heute ein glitzerndes Gerät mit Utensilienköfferchen und Lehr-Video: der neuzeitliche Dietrich ist erfunden. Er wird von einem cleveren Unternehmer in Serie hergestellt und mit großem Werbeaufwand augenzwinkernd vertrieben. Eine "Weltneuheit", ein "Sesam-öffne-dich". Schon sind 2000 Exemplare des modernen Dietrichs verkauft, das Stück für 650 Mark.

Der Hersteller sagt, er wolle diesen ausgefeilten Nachschlüssel und den unterstützenden Einsatzkoffer nur an autorisierte Kunden verkaufen, an Feuerwehr, Schlüsseldienste, Wohnungsverwaltungen und die Polizei, die manchmal hilflose Leute aus ihrer eigenen Wohnung retten muß. Vor allem die Feuerwehrleute sollen von dem neumodischen langen Heinrich begeistert sein: Sie könnten damit "Menschenleben am Band" retten, wenn es brennt, berichtet der wohlgemute Hersteller. Seine Erfindung, märchenhaft als Sesam-öffne-dich tituliert, soll die Schloßzylinder von Sicherheitsschlössern schnell und geräuschlos aus der Tür ziehen, wie ein Korkenzieher die Korken aus der Flasche. Pflopp. Aus einer abgeschlossenen Tür wird eine angelehnte.

Lacht da jemand? Dann ist bei ihm noch nicht eingebrochen worden. Denn leider sind Hauptinteressenten für solch einen praktischen Türöffner Ganoven und Einbrecher. Sie werden das wohlfeile und diskrete Ding rasch unter ihre Fittiche nehmen, auch wenn für Einbruch zehn Jahre Gefängnis drohen. Der Unternehmer und seine elf (!) Vertreter wollen vor allem verkaufen.

Der Kölner Kriminalhauptkommissar Rudolf Taschenmacher hat in der Fachzeitschrift Der Kriminalist Alarm geschlagen, denn allein in Köln wurden mit dem Sesam-öffne-dich bereits 194 Einbrüche begangen, davon 26 in Wohnungen. Selbst Alarmschlösser knackt der universelle Schlüsselersatz, wenn ein geschickter Unterweltler mit ihm hantiert. Da erhebt sich durchaus die Frage nach Sinn Und Unsinn einer solchen Industrieproduktion. Türen werden von Fremden überwiegend illegal geöffnet. Feuerwehr und Polizei bleiben nicht die Hauptkunden. Dieser Markt ist mit den inzwischen verkauften High-Tech-Dietrichen wohl erschöpft. Der Schloß-Korkenzieher mit dem sinnigen Firmen-Namen Zieh-fix ist eine Waffe. Es ist vorauszusehen, daß damit überwiegend Straftaten begangen werden.

Schon möchte sich die Kölner Polizei auf die Zunge beißen, daß sie die Existenz des fixen Ziehers publik gemacht und unfreiwillig dafür geworben hat. Schon wehrt die Redaktion der Fachzeitschrift Der Kriminalist fragende Journalisten ab. Immerhin hat das Bundeskriminalamt alle Länderpolizeien darum gebeten, die Zieh-fix-Einbrüche zentral zu melden. Das reicht aber nicht als Gegenmaßnahme. Der Dietrich aus Bergheim ist ein deutlich schadensgeneigtes Instrument – ähnlich wie eine Pistole und ein Gewehr. Solche Instrumente sind mehr als andere Geräte Versuchungen, instrumenta sceleris, und deshalb kontrolliert der Staat ihren Gebrauch mittels Waffenschein. Den erhält nur, wer zuverlässig ist. So sollte es auch mit dem neuzeitlichen Sesam-öffne-dich geschehen: Der Gesetzgeber hat den Türknacker "waffenscheinpflichtig" zu machen.

Es ist erstaunlich, was alles erfunden wird. So manches Werkzeug schämt sich nicht vor sich selbst. Mit der Erklärung, daß er in "erster Linie Kaufmann" sei, darf der Hersteller des Zylinder-Ziehers jedenfalls die Diskussion über sein Patent nicht beenden. Hanno Kühnert