Von Susanne Kippenberger

Früh begann der Junge zu dichten. Sein erstes Werk war ein Zeugnis, mit dem er, der die Schule nie abgeschlossen hatte, sich Zugang zur Universität verschaffte. Doch statt nun in den Seminaren mitzuschreiben, kritzelte der mäßige Student, Sohn des Mordecai Weinstein und der Chana Wallenstein aus Litauen, die Kolleghefte mit seinem neuen Pseudonym voll: Nathaniel von Wallenstein Weinstein. Das war aber nur die erste Version. Später entschied er sich für einen bescheideneren Nom de plume. "Go West, young man!" hieß (nicht nur) damals, im Amerika der späten Zwanziger die Devise, und als "Nathanael West" ging er nach Kalifornien, wo er, wie es sich gehörte, sein Glück machte – mit Drehbüchern allerdings, nicht mit Romanen.

Doch hier fand auch der Romancier West sein Thema, die Welt, die er in seinen Büchern beschrieb: die Welt der Armen, der Verzweifelten, an der Fata Morgana Gescheiterten, die bizarre Hollywoodwelt (die Illusionen und die Fabrik, in der sie produziert wurden), wie er sie in seinem letzten Roman, "Der Tag der Heuschrecke", festhielt, dem vielleicht besten Hollywoodportrait der amerikanischen Literatur.

Er beschrieb, was er sah, und das war eine traurige Welt. Nathanael West war Realist, auch wenn er für den psychologischen und den proletarischen Realismus der dreißiger Jahre nichts übrig hatte. Wests "surrealistischer Realismus" war dem von George Grosz verwandt, mit dem er auch zusammenarbeitete. "Ach knallige Welt, du Lunapark, du seliges Abnormitätenkabinett", hatte Grosz einmal gesungen, "paß auf! Hier kommt Groß, / Der traurigste Mensch in Europa." Er mußte nicht lange suchen, um den traurigsten komischen Menschen in Amerika zu finden, der das "Kabinett amerikanischer Scheußlichkeiten" in Literatur zu bannen versuchte.

Aber auch als West sich längst West nannte, lebte der Romantiker Nathaniel von Wallenstein Weinstein in ihm weiter. Er hatte sich einen dezenten Schnauzer wachsen lassen, kleidete sich elegant, ging mit William Faulkner auf die Jagd und erzählte Märchen aus seiner Vergangenheit. Er spielte den englischen Gentleman, weil er nicht Sohn litauischer Juden sein wollte. Über Juden schrieb er kaum, eher schon über die (christlich-) religiösen Erlebnisse "Miss Lonelyhearts", der Titelfigur seines zweiten Romans. Und doch steht West, 1903 in New York geboren, als erster in der Reihe der großen jüdisch-amerikanischen Autoren des Zwanzigsten Jahrhunderts. Es half nichts, daß er Namen, Kleidung und Benehmen änderte. Er konnte nicht in eine neue Haut schlüpfen, konnte auch nicht zurück zu den Traditionen, von denen sich schon seine Eltern abgeschnitten hatten. Chana und Mordecai, die litauischen Juden, die sich als Deutsche fühlten, tauften sich bei der Einwanderung nach Amerika um in Anna und Max.

Es war gerade Wests Sensibilität als Grenzgänger, seine Mischung aus Melancholie und einem unerhörten Gespür für das Groteske, die ihn zum Ahnherrn von Autoren wie Joseph Heller, Saul Bellow und Woody Allen machten. "Er war wie ein großer, liebenswürdiger Löwe, der mit einem Stachel in seiner Pfote herumlief, Die meiste Zeit tat es nicht weh ... Aber wenn er sich hinsetzte, um zu schreiben, war die Pfote, die den Stift aufhob, jene mit dem Stachel", sagte ein Freund über ihn. Er schrieb aus demselben Grund, aus dem der Journalist und Kummerkastenonkel "Miss Lonelyhearts" immer wieder die Briefe verzweifelter Leser studiert, auf die er keine Antwort weiß, aus demselben Grund, "aus dem ein Tier an seiner verwundeten Pfote zerrt: um dem Schmerz weh zu tun": "to hurt the pain".

Bevor er anfing, sein Geld mit Drehbüchern zu verdienen, zog sich West allerdings den Stachel selbst. "Ticket to Paradise" hieß sein erster Film. Während der Romancier nur Fahrkarten in die Hölle verkaufte, entwarf der Drehbuchschreiber West jetzt eine Filmgeschichte, die, wie er in einem Brief schrieb, "die Erde nirgends berührt". Wenn er an Skripts bastelte, legte er sich auf den Boden oder auf das Sofa, schloß die Augen und erträumte seine Geschichten. Wenn er sich an den Schreibtisch setzte, um seine Romane zu schreiben, wurde aus dem Lieferanten von Hollywoodträumen der Analytiker – ein Analytiker eben jener Traumphantasien.