Von Ralf Schnell

Im März 1916 erschien die führende Zeitschrift des deutschen Expressionismus im Trauergewand. Auf der Titelseite des Sturm gab die Redaktion den Tod eines Malers bekannt. Beigefügt war dieser Meldung ein persönliches Wort des Herausgebers. Im übrigen blieb das Titelblatt weiß. Eine bemerkenswerte Geste. Sie galt einem der bekanntesten Maler der Zeit: Franz Marc, der am 4. März 1916 gefallen war.

Heute muß man die Bedeutung Franz Marcs keinem Schüler erläutern. Eher schon die des Sturm-Herausgebers und Nachruf-Autors Herwarth Walden, und gewiß die Tatsache, daß Waiden sich mit dieser Aufmachung selber zitierte. Bereits im September 1915 nämlich war der Sturm mit einer Doppelnummer im gleichen Gewande erschienen, ebenfalls um den Tod eines Künstlers zu melden, der zu den bekanntesten jener Zeit gehörte: Am 1. September 1915 war der Dichter August Stramm in Horodec, nicht weit von Brest-Litowsk, gefallen.

Sein Name freilich – und sein Werk zumal – dürfte heute nur mehr Fachgelehrten und Spezialisten vertraut sein. Er findet bisweilen Erwähnung in kursorischen Überblicken zu Lyrik und Drama des Expressionismus, Literaturgeschichten registrieren ihn in Form eines eiligen name dropping, Anthologien berücksichtigen ihn gelegentlich – Signale des Vergessens noch in den Formen des Erinnerns. Dabei hat auch August Stramms Werk einst Aufsehen erregt, Diskussionen ausgelöst, kurz: Literaturgeschichte geschrieben.

Herwarth Walden war der entschiedene und uneigennützige Förderer August Stramms. Als er im Sturm die Nachricht vom Tod des Dichters gelesen hatte, schrieb Franz Marc, der "im Felde" stand, in einem Brief zur Erinnerung an den Künstler-Kollegen: "Die Sprache war ihm nicht Form oder Gefäß, in dem Gedanken kredenzt werden wie z.b. für Rilke oder Stephan George, sondern Material, aus dem er Feuer schlug, oder: toter Marmor, den er zum Leben wecken wollte wie ein wahrer Bildhauer."

Gelegenheit zur Wieder-Erinnerung an August Stramm geben nun zwei Bände, die soeben in einem kleinen Berliner Verlag erschienen sind. Eine schmale Auswahl aus einem großen Œuvre nur, doch gilt sie immerhin dem Werk eines Mannes, den so gut wie nichts mit den Charakteristika des Expressionismus – Unbürgerlichkeit und Aufbegehren, große Geste und Flammenrhetorik, Pathos, Leidenschaft, Weltschmerz, zu verbinden scheint.

Der am 29. Juli 1874 in Münster/Westfalen geborene Sohn eines Postbeamten hatte sich nach Schulabschluß und Militärdienst auf den Beruf des Vaters verpflichten lassen. Als Beamter des Seepostdienstes gelangte er bis in die Vereinigten Staaten und zum Studium der Geschichte, Nationalökonomie und Philosophie. "Historische, kritische und finanzpolitische Untersuchungen über die Briefpostgebührensätze des Weltpostvereins und ihre Grundlagen" lautet der akademisch-verschrobene Titel seiner Dissertation, mit der er 1909 an der Universität Halle-Wittenberg promovierte.