Mir blutet das Herz, wenn ich an meinen Freund Schmilinski denke. Er hat seinen schönen, großen Bauernhof oben zwischen zwei Masurischen Seen, drei Kinder, vier Pferde, dazu Kühe und Schweine und natürlich Hühner und die unvermeidlichen Gänse. Wenn ein deutscher Tourist, einer aus dem Westen, mit seinem Mercedes ins Dorf rollt und vor meiner Freundin Erna anhält, hütet sie erst einmal ihre Gänse vor den Rädern des Fremden, patscht barfuß im Modder herum, wedelt mit der Weidenrute und sagt, wenn der Automobilist nach einem Quartier gefragt hat: "Nu, da muß ich aaber erst nieeinen Maann fraajen!"

Ihre alte ostpreußische Mundart klingt lieblich in meinen Ohren. Diese Sprache, der Hof, eine ganze Kultur stirbt ab, wenn die Schmilinskis ihren Willen haben, in die Bundesrepublik überzusiedeln. Ich weiß, dies ist ihr Wille, ihre Absicht und ihr Begehr. Und mir blutet das Herz.

Wie oft haben wir gestritten! Er sagt: "Ich kann nicht die Kirche besuchen, die Gräber meiner Vorfahren verfallen, und ich will, daß meine Kinder Deutsch sprechen!" Dagegen dann ich: "Und du willst auch, daß deine Kinder im Ruhrgebiet Industriearbeiter werden?" Schmilinski bildet sich nämlich ein, daß er nach der Übersiedlung sofort einen Bauernhof erhält.

Ich bin – mit deutschem Vater und polnischer Mutter – nicht ungern "polnischer Staatsangehöriger", er aber möchte keinen volkspolnischen Paß. Nun, ich sehe eben keinen Widerspruch zwischen meiner Zugehörigkeit zur deutschen Kultur einerseits und meinem Dasein in der Republik Polen andererseits. Und das ist das Problem.

Ich will nicht "heim ins Reich". Für meinen Geschmack haftet der Politik der von Bonn betriebenen Umsiedlerei zu viel davon an. Die Milliarden Mark, die Bonn den Kommunisten schenken möchte (Kommunist bin ich übrigens keineswegs), sollten statt dessen in Kassen fließen, welche das Los der Deutschen in Polen, in der Sowjetunion, in Ungarn und in Rumänien erleichtern helfen. Mein Vorschlag wäre, daß man mit diesen Milliarden deutsche Schulen baut, den Deutschen die Kirchen erhält und, vor allem, daß man diesen Deutschen, ob in Kasachstan oder auf dem Balkan, Wirtschaftshilfe bietet, damit sie mittels Maschinen und Saatgut sich selbst und ihrem Land und dem Staat, in dem sie wohnen, grundlegend und zukunftsweisend helfen.

Territorien, wo man seit Jahrhunderten Deutsch spricht, bilden eine mehr oder weniger geschlossene kulturelle Einheit im Zusammenwirken mit anderen ethnischen Gruppen. Hier gibt es Reibungen und Spannungen; aber es gibt auch Traditionen, die konstruktiv wirken. Gewiß will ich keine "Märtyrer züchten". Wer umsiedeln will, der soll. Aber Geld sollte zur Aussiedlung nicht ermutigen. Die gegenwärtige Politik kann das Unheil durch Entwurzelung und Zerstörung organischer Kulturgebiete nur noch größer machen.

Die Zahlen der Umsiedler belegen, daß wir auf eine Katastrophe und auf eine quasi beabsichtigte Tragödie allergrößter Dimensionen zutreiben. Dies ist die kurzsichtigste Art von "Politik", die man sich denken kann.