Von Barbara Gaehtgens

Wenn einem Künstler in seinem 70. Lebensjahr eine Monographie gewidmet wird, ist, so scheint es jedenfalls, das letzte Wort bereits gesprochen. Uberzeugt, das Lebenswerk Emil Schumachers zu überblicken, hatte Werner Schmalenbach schon 1981 geschrieben: "Die siebziger Jahre zeigen den Maler im Vollbesitz seiner schöpferischen Kraft. ‚Neues‘ wächst seiner Kunst nun nicht mehr zu, es geht nicht mehr um Entdeckungen von Neuland, sondern um Verdichtung und ganz einfach um das Hervorbringen weiterer Werke: um die reiche Ernte selbst."

An diese klassische Definition des Phänomens "Spätstil" hat Emil Schumacher sich jedoch nicht gehalten. Im Gegenteil. Daß es ihm nicht um Affirmation oder Ausbeutung von bereits Erfahrenem, sondern um Aufbruch in eine neue Arbeitsphase ging, deren Bilder sich nun geschlossen vom vorhergehenden Werk absetzen, war nicht vorauszusehen. Nachzuerleben ist es jedoch in der Berliner Nationalgalerie, in der Dieter Honisch 73 Werke des Künstlers unter dem Titel "Späte Bilder" zusammengestellt hat.

Emil Schumachers frühe Bilder und seine Bedeutung als Künstler, der die deutsche Malerei der Nachkriegszeit aus der Gegenstandslosigkeit des "historischen" Experessionismus in die Ungegenständliche führte, sind heute bereits Geschichte. Geschichte ist auch sein Auftreten als "action painter", der seinen Kampf mit der Bildfläche selbst so beschrieb: "Ich gehe das Bild unmittelbar an. Dabei kommt es zu einer Begegenung des Materials mit mir, wobei ich ihm oft den Willen lasse, denn ich habe erfahren, daß es weiser ist als alle Berechnungen. Handwerk, Technik und Erregung sind eins. Die Farben reißen Formen an sich, die Zeichen verlangen Farben – indem ich mich mitreißen lasse, gewinne ich mein Bild."

Auf seinen Bildern stellte der Malakt sich selbst dar. Die Bildfläche wurde zum Aktionsfeld, auf dem die freie Gestik des Malens immer wieder von aufgetragener Materie wie Beton, Fasern, Papier und Blei gelenkt oder behindert wurde. Dieser Gegensatz von Bewegung und Störung, von Gestik und Widerstand kennzeichneten Schumachers Gemälde der fünfziger und sechziger Jahre. Die spröden, immer wieder wie zögernd angesetzten Linien, auf deren Weg durch das Bildfeld sich gleichzeitig der Prozeß des Bildwerdens abzeichnete, waren Kennzeichen für Schumachers stets experimentellen, nie selbstgewissen Stil.

Als der Maler um 1958 mit seinen abstrakten Bildern internationales Ansehen gewann, war er bereits 46 Jahre alt. Und als er in den späten sechziger Jahren mit einer künstlerischen und persönlichen Krise auf das siegessichere Auftreten von Minimal und Pop Art reagierte, war er schon weit über fünfzig. Mit dieser Zeit der stilistischen Selbstsuche setzt die Berliner Ausstellung ein.

Es sind zunächst Bilder, deren farbliche und formale Kargheit wie eine Verweigerung all dessen wirken, was Schumachers Gemälde vorher auszeichnete. Auf weißem, schrundigen und verletzten Malgrund spannt sich ein hoher schwarzer Bogen, dessen Linie jedoch, im Gegensatz zu früheren Bilder, zum festen, die Bildfläche verklammernden Gerüst wird. In der Kargheit und dem Verlust an materialer Substanz liegt jedoch gleichzeitig der Neuansatz für das Spätwerk.