Manfred Hegger, Wolfgang Pohl, Stephan Reiss-Schmidt: "Vitale Architektur"

Wie das Thema, so das Buch: eine Art von Quodlibet, zusammengewürfelt aus Aufsätzen, Ermutigungen, Berichten, in Lyrik verwandelten Erkenntnissen. Wörter, die darin vorkommen – wie "Interaktion", "emanzipatorischer Effekt", "Aneignung", "Technologiemodell", "alternativ" und "prozeßhaft", "Partizipation" und "Selbstentfaltung" – deuten schon das Feld an, auf dem hier geackert wird. Gesucht und dargestellt ist eine Architektur, die anders ist als die übliche, keine, die weniger schon wäre, aber eine, die manches noch offen läßt, die krumme Wege und Wände erlaubt, an der die Benutzer mitgedacht und mitgearbeitet haben oder zur Vervollkommnung aufgerufen sind, in der das Improvisieren zu den Merkmalen des Gestaltens gehört, kurzum: Es geht um eine "brauchbare, ökologisch verantwortliche Architektur".

Manfred Hegger, Wolfgang Pohl und Stephan Reiss-Schmidt haben darüber ein Buch – nein, nicht geschrieben, sondern zusammengebracht. Es hat den einladenden Titel "Vitale Architektur" und nennt sich im Untertitel "Traditionen, Projekte, Tendenzen einer Kultur des gewöhnlichen Bauens" (Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1988; 200 S., Abb., 78,– DM).

Es preist einen anderen Weg dorthin, als die "akademische" und die "polytechnische" Denkweise zu empfehlen pflegen, eine, in der die sogenannten Betroffenen, jedoch selten Gefragten gefragt und beteiligt werden, auf welche Weise auch immer. Man liest von Idealprojekten, die Fiktion bleiben, und von idealen Projekten, die ausgeführt wurden, von Projekten, die verworfen, anderen, die Aufsehen machten; man wird mit Beobachtungen bei uns und in anderen Ländern bekanntgemacht, mit bisweilen bitteren Erfahrungen, mit Vorschlägen, Hoffnungen, Forderungen. Man begegnet dabei Namen, die diese Art des Bauens seit Jahren zieren: van Klingeren, Hunziker, Alexander, Steidle, Kroll, Erskine und Kremser. Es ist, wenn auch kein immer sehr inspirierendes, jedenfalls ein animierendes Buch, das Mut machen will und insgeheim die existierende Stadt zum Thema einer sanften Eroberung macht.

Manfred Sack

Milo Dor: Auf dem falschen Dampfer

Der Romancier, Fernsehautor und Übersetzer Milo Dor ist ein Grenzgänger zwischen den Kulturen, der das ausgelöschte, von den Kongreßschwadroneuren nostalgisch verklärte "Mitteleuropa" in sich trägt; nicht da und nicht dort beheimatet, hat der "im besonders miesen Jahr 1923" Geborene stets das "Gefühl gehabt, auf dem falschen Dampfer zu sein".