Von Ulrich Stock

Travemünde

Es war der erste Parteitag der schleswig-holsteinischen CDU nach der vernichtenden Wahlniederlage im Mai. Stillschweigend stimmten die meisten Delegierten überein, jetzt nach vorne zu schauen und nicht zurück. Ein Plakat am Eingang des Tagungsraumes hatte ihnen die Richtung gewiesen: "Vertrauen für Gerhard Stoltenberg. CDU – die Zukunft."

Und dennoch war die Vergangenheit ständig präsent, drängte sich bisweilen geradezu lähmend in den Saal, unsichtbar, unübersehbar.

Als Gerhard Stoltenberg am Freitag nachmittag vergangener Woche zu Beginn der Veranstaltung die Gäste willkommen hieß, da weilte auch Günter Kohl unter ihnen, der frühere CDU-Pressesprecher, jener, der der SPD die Absicht zugeschrieben hatte, Sex mit Kindern legalisieren zu wollen. Braungebrannt lief er durch die Reihen, keine Spur mehr von der Affäre, in die er verstrickt war, nun Inhaber einer Werbeagentur, von alten Kameraden kameradschaftlich begrüßt: "Na, du alter Haudegen, wo büst du avbleeven?"

Als Stoltenberg die Vertreter von Kampfpresse, Funk und Fernsehen begrüßte,da war auch ein Mitarbeiter von Panorama zugegen, vorsichtshalber entsandt, die Reaktionen auf die Veröffentlichung des angeblichen Barschel-Briefes auszuloten. Und anwesend war auch der stellvertretende Chefredakteur der Hamburger Morgenpost‚ der die Schlagzeile des nächsten Morgens noch für sich behielt: "Barschel mußte wg. U-Boot-Affäre sterben."

Und als sich die Delegierten von ihren Sitzen erhoben, um der seit dem letzten Parteitag verstorbenen Mitglieder zu gedenken, da nannte Stoltenberg einen Namen nicht, aber der war in allen Köpfen.