Von Elisabeth Wehrmann

Ein Gruppenbild aus dem Jahre 1949, aufgenommen in New York, 67. Straße, im Apartment von Mary McCarthy, zeigt sie im Kreise der Freunde von der Partisan Review: Elizabeth Hardwick, eine zierliche junge Frau, das helle Haar wie ein Schulmädchen gescheitelt und aus der Stirn gekämmt, neugierige Augen, ein skeptischer Zug um die Mundwinkel. 1916 in Lexington geboren, war sie 1939 aus der Provinz der Südstaaten in die große Stadt gekommen, lebte in der Metropole an der Ostküste, die aufblühte, während Europa in Trümmer fiel, schrieb ihren ersten Roman und landete im Zentrum einer brodelnden Intellektuellen-Szene: bei den antistalinistischen amerikanischen Linken, die gespannt nach Europa blickten und von dem unermeßlichen Kulturstrom, der mit den Emigranten "in diese ungehobelte Gesellschaft kam", profitierte.

Elizabeth Hardwick machte ihre Lehrzeit als Reporterin bei der Partisan Review: "Es hat Jahre gedauert, bis ich in meinen Berichten so etwas wie eine eigene Stimme fand", kommentiert sie heute. Sie war verheiratet mit dem Dichter Robert Lowell, reiste mit ihm in die Niederlande, nach Frankreich und Italien. Sie schrieb einen zweiten Roman, der wie der erste kein großer Erfolg war. Inzwischen aber wuchs ein faszinierendes Œuvre von Essays. Und da war sie: die eigene Stimme, unverwechselbar, gedankenvoll, sensibel, eigensinnig und elegant.

Es scheint kein Zufall zu sein, daß die erste Essaysammlung (1962) den Titel "A view of my own" trägt. Ohne sich direkt auf das Vorbild zu beziehen, hat Elizabeth Hardwick Virginia Woolfs Thesen zur Geschichte und Situation der Frauen und der Literatur aufgegriffen und weitergeführt. Sie hat den eigenen Blick gewagt; sie hat die spezifische Ein-Sicht und die Unabhängigkeit einer modernen Amerikanerin reflektiert im Spiegel der Lebensgeschichten und Geschichten schreibender Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Als Feministin, die eher die Lust auf Polemik, als den Hang zur warmen Suppe der Selbstbestätigung kennt, hatte sie keine Hemmungen, die Thesen Simone de Beauvoirs über das "Zweite Geschlecht" anzuzweifeln. Und ihrer besten Freundin, Mary McCarthy, servierte sie, mit Witz und spitzer Feder die Parodie zu einem der Höhepunkte des Bestsellers "Die Clique". (Die Hardwick-Version zu Dotties Defloration erschien anonym und traf ins Schwarze; als sie’s herausfand, wollte Mary wochenlang "mit Elizabeth kein Wort mehr reden").

Elizabeth Hardwicks Herausforderung an das "Monopol mittelmäßiger Literaturkritik" in den Staaten war 1963 die Gründung der New York Review of Books. Das Projekt, das von einem "Strohhalm-Budget" und der Gunst der Stunde abhing, hat sich zum angesehensten Literaturmagazin in den USA entwickelt.

In diesem Jahr nun, mit fast zehnjähriger Verspätung, erscheint ihr bislang letzter Roman in deutscher Übersetzung. "Schlaflose Nächte" ist der Titel eines Buches, das die Grenzen zwischen Autobiographie und Roman aufhebt. Und doch ist es ein Roman, ein Kunstwerk in poetischer Prosa, getragen von den wechselnden Stimmen der Vergangenheit, dem Rückblick auf ein gelebtes Leben und den Fragen an dieses Ich, das sich erinnert, schreibt, und die Vergänglichkeit aller Tage auszuwägen und auszudenken wagt.

Die Erzählerin, auch sie heißt Elizabeth, wohnt in New York und schreibt Briefe an eine Freundin Mary, beginnt mit einer – man möchte sagen – leise gesprochenen Geste: "Dies ist, was ich jetzt mit meinem Leben machen will. Ich werde diese Arbeit tun und verwandelte... Erinnerungen aufzeichnen und dieses Leben führen, das Leben, das ich heute lebe." Was folgt, hat keine Ähnlichkeit mit einer Lebensgeschichte in chronologischer Ordnung, es fehlen Berichte über die literarische Karriere, die gesellschaftlichen Freuden und die politischen Ansichten der Autorin oder ihrer berühmten Freundinnen. Dieser Roman geht den ungeraden Wegen der Erinnerung nach, sucht nach verborgenen Mustern, setzt Gegenwart und Vergangenheit in bewegende Beziehung. Eine Frau denkt sich selbst nach, läßt sich ein auf die Bruchstücke im Gedächtnis, entwickelt Bilder aus den Begegnungen mit Fremden, Freunden und Passanten und erfindet aus der Spannung und der Berührung zwischen dem Ich und den Anderen die eigene Geschichte. –