Kopf unter Wasser

Von Hanna Spilker

Ein "schönes Wochenende" mochte am vergangenen Freitag niemand dem Vorstandsvorsitzenden des Bremer Vulkan-Werftenverbundes wünschen. So eine Äußerung wäre bei Friedrich Hennemann an jenem Tag sicher wie ein Schlag in die Magengrube angekommen. Er hatte nämlich kurz vor dem Start ins Wochenende eine niederschmetternde Nachricht erhalten: Im Bundesverteidigungsministerium war soeben entschieden worden, die Konsortialführerschaft für die geplanten vier Fregatten vom Typ F 123 an die Hamburger Werft Blohm + Voss zu vergeben. Der Blitz traf die in Bremen "Vulkanesen" genannten Werftarbeiter aus heiterem Himmel. Sie waren während der gesamten Planungsphase stets sicher gewesen, einen erheblichen Teil des 2,4 Milliarden Mark teuren Programms abzubekommen.

"Diese Einschätzung bestand zu Recht", betonen Insider aus Bonn, Hamburg und Bremen übereinstimmend. Denn immerhin war der Bremer Vulkan im (fast) abgelaufenen Jahr praktisch der Kopf einer Werften-Arbeitsgemeinschaft (Arge), die aus den Partnern Howaldtswerke/Deutsche Werft AG (HDW, Kiel), Blohm + Voss (Hamburg), Thyssen Nordseewerke (Emden) und Bremer Vulkan bestand und die vom Bundesverteidigungsministerium beauftragt war, einen neuen, moderneren Fregattentyp zu entwickeln. Insgesamt vier Schiffe wollte die Hardthöhe ordern, als Kostenobergrenze nannten die Bonner rund 650 Millionen Mark pro Schiff der F-123-Klasse.

Auf dieser Grundlage zeichnete und berechnete die Arge, schließlich gab sie im Frühjahr dieses Jahres ein gemeinsames Angebot ab. Im Herbst überlegten es sich die Chefs im Bundesverteidigungsministerium offenbar anders: Da "hatte der Verteidigungsminister die Konsortialmitglieder Bremer Vulkan, AEG und Blohm + Voss angeschrieben zu prüfen, ob das Schiff nicht auch billiger zu machen sei", berichtete ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, Fregattenkapitän Peter Monte, Anfang dieser Woche im Bremer Fernsehen.

Der Vulkan nutzte die Nachfrage, um die guten Qualitäten der von ihm gebauten Fregatte 122 herauszustellen und zu demonstrieren, "welche Erweiterungsmöglichkeiten und Nutzungsvarianten dieser Schiffstyp noch hat". Die Bremer gaben, in Abstimmung mit AEG, ein Angebot ab, das, salopp gesagt, "die aufgemotzte Version der alten Fregatte" war und – knapp 70 Millionen preiswerter als ein F-123-Neubau. "Unser Arge-Partner Blohm + Voss war darüber informiert", erklärt Vulkan-Chef Hennemann, "außerdem haben wir das Bundesverteidigungsministerium immer darauf hingewiesen, daß dieses Vulkan-Angebot die Arge nicht tangiert."

Blohm + Voss reagierte umgehend: Die Werft offerierte den "staunenden Verteidigern praktisch die Fregatte, die die Arge gemeinsam entwickelt hatte – und zwar für nur 585 Millionen Mark", berichtet ein Vulkan-Techniker.

"So geht das nicht", empört sich folgerichtig Friedrich Hennemann. "Blohm + Voss war nicht berechtigt, diesen Schiffstyp anzubieten. Das verstößt eindeutig gegen den Konsortialvertrag." Das hat er Anfang dieser Woche auch dem Bundesverteidigungsminister mitgeteilt, und er hat darauf hingewiesen, "daß mindestens fünfzig Prozent der F 123 technisches Know-how des Vulkan" sind. In der Tat war der Bremer Vulkan Haupt-Gastgeber der Arge, "monatelang gingen zwanzig bis dreißig Spezialisten aus Hamburg auf dem Vulkan ein und aus". "Jetzt wissen wir endlich, warum die oft bis tief in die Nacht in unseren Büros gewesen sind", erzählen sich die Werftarbeiter auf dem Vulkan nun vieldeutig.

Kopf unter Wasser

Ganz eindeutig entschieden sich indes die zuständigen Mitarbeiter im Bundesverteidigungsministerium für das Blohm + Voss-Angebot. Verständlich, denn wer würde da nicht zuschlagen, wenn’s eine neue Fregatte zum Preis der alten gibt...

Die Wirtschaftlichkeit allein soll jedoch nicht ausschlaggebend gewesen sein. "Für uns sind drei Kriterien maßgeblich", meinte Rüstungsstaatssekretär Professor Manfred Timmermann im kleinen Kreis, "der militärische Bedarf, das wirtschaftlichste Angebot und Industrie- und strukturpolitische Erwägungen, wobei ausdrücklich die Struktur des Schiffbaus und der Ausrüster gemeint ist."

Dieser Drei-Punkte-Katalog müßte nachdenklich stimmen; er hat bereits den Vulkan und die AEG auf den Plan gerufen. Sie haben nämlich mittlerweile ebenfalls ein gemeinsames Angebot für eine neue Fregatte abgeliefert. Jetzt liegen folglich zwei technisch und wirtschaftlich identische Werften-Offerten vor. "Wenn aber die struktur- und regionalwirtschaftliche Komponente so wichtig ist für die Entscheidung im Bundesverteidigungsministerium, dann müßten auch wir den Auftrag bekommen", meinen die Bremer.

Für die Werftindustrie an der Weser wäre die Bestellung ein warmer Regen: Jeder weiß, daß die Aufträge aus dem Bundesverteidigungsministerium nicht nur Beschäftigung, sondern auch Geld bringen. Kriegsschiffbau wird nicht nur pünktlich, sondern auch hervorragend entlohnt. Auch wenn die deutschen Werften ihre Kriegsschiffertigung zum Teil vornehm-zurückhaltend als "Sonderschiffbau" oder "Sonderfertigung" bezeichnen, so machen sie dennoch längst keinen Hehl mehr daraus, daß sie auf Marineaufträge sowohl für die Bundeswehr als auch für den Export angewiesen sind.

Einige Werften haben denn auch inzwischen das Schwergewicht ihrer Unternehmenspolitik ganz unzweideutig auf den Bau von Kriegsschiffen gelegt – mehr oder weniger schamhaft. Hinter den Kulissen, unbemerkt von der Öffentlichkeit, ringen die in der jüngsten Vergangenheit arg gebeutelten Schiffbaubetriebe indes um so härter um Rüstungsaufträge. Doch die Werften selbst, sagen Schiffbauexperten, spielen nur vordergründig die Rolle der Agierenden; in Wahrheit verbergen sich hinter ihrem Kampf Entscheidungsträger in Bonn und Brüssel.

So ist es nicht verwunderlich, daß seit Monaten in der Küste gemunkelt wird, die Hamburger Blohm + Voss-Werft sei ausersehen, Zentrum des Überwasser-Marineschiffbaus zu werden – was durch diesen aktuellen Fregatten-Auftrag nur bestätigt würde. Denn: Blohm + Voss, eines der traditionsreichsten deutschen Schiffbauunternehmen, hat den Bau von Handelsschiffen schon seit geraumer Zeit praktisch eingestellt. Mit Konzernunterstützung (B + V gehört zu sechzig Prozent Thyssen und zwölf Prozent Siemens) haben die Hamburger zielgerichtet ihr Schwergewicht auf den Bau von großen Marineschiffen verlagert und ausgebaut; bei Großaufträgen, so berichten Kenner, kooperieren Blohm + Voss und die HDW ideren Großeigner Salzgitter, also der Bund, ist) bereits heute. Die "guten" Exportaufträge laufen schon heute automatisch auf diese Anbieter zu, 31ohm + Voss wird wohl auch – im nächsten Jahr – den lukrativen Auftrag einheimsen können, Fregatten für Australien zu bauen ...

Alle Anzeichen deuten also darauf hin, daß es weh in der deutschen Schiffbauindustrie demnächst einen Rüstungskonzern geben wird. Dem Bund könnten solche Bestrebungen sogar höchst gelegen kommen: Einige Regierungsmitglieder monieren seit langem, daß die deutschen Schiff-Dauunternehmen im Marineschiffbau zuwenig zusammenarbeiten. Insbesondere bei Exportbemühungen für Kriegsschiffe treten sie als harte Wettbewerber auf – was häufig genug von den Regierungen der Bestellerländer mit Unverständnis registriert wird.

Kopf unter Wasser

Für jene Werften, die vor allem Handelsschiffe sauen, könnte ein Monopol, ein maritimer Rüstungskomplex, tödlich sein. Das gilt natürlich auch für den Bremer Vulkan, der sich erst Anfang dieses Jahres in einem – auch für das Land Bremen gewaltigen – Kraftakt ein Überlebenskonzept zurechtgeschneidert hat.

Kein Wunder also, daß in Bremen nun Katastrophenstimmung herrscht. Werftarbeiter, Manager und Politiker aller Couleur (mit Ausnahme der Grünen) sind wütend und enttäuscht über die Bonner Entscheidung – für die allerdings noch die parlamentarische Zustimmung erforderlich ist. "Wir haben doch", sagen die Vulkanesen, "acht Fregatten für die Bundesmarine technisch einwandfrei und zur Zufriedenheit des Auftraggebers gebaut. Da können wir doch jetzt nicht einfach ausgetrickst werden." Bonner Abgeordnete und Hamburger Schiffbauexperten reden hinter vorgehaltener Hand von "einer gezielten Aktion gegen Bremen", von "einem Monopolisierungsversuch mit Hilfe des großen Geldes" oder auch ganz kraß von einem "toll gespielten Ding der Thyssen-Lobby".

Deren Blohm + Voss-Werftmanager haben sich übrigens einen nicht nur fachlich exzellenten, sondern auch unter politischen Gesichtspunkten hervorragenden Partner für den Fregattenauftrag F 123 ausgesucht – das Bremer Unternehmen Krupp Atlas Elektronik. "Wir sind dabei, weil Blohm + Voss den Auftrag bekommen hat", bestätigte ein Sprecher, "wir hatten auch dem Vulkan ein Angebot unterbreitet..." Doch der Vulkan plante, die gesamte Elektronik vom Arge-Partner AEG abwickeln zu lassen, nur Teile der Sonartechnik an die Krupp-Atlas-Fachleute weiterzugeben. Hennemann: "Wir arbeiten schließlich seit Jahren ausgezeichnet mit AEG zusammen." Gemeinsam wollen die beiden Unternehmen nun auch, so heißt es, alle Bataillone in Bewegung setzen, die die Entscheidung des Bundesverteidigungsministeriums revidieren helfen könnten.

Auf Bremens Politiker kommen harte Wochen und Monate zu – im doppelten Sinn. Denn: Die sichere, millionenschwere Auftragsvergabe an Krupp Atlas Elektronik, die unter anderen Umständen größeren, Jubel ausgelöst hätte – darf derzeit nicht einmal laut erwähnt werden.