ZDF, sonntags: "Bettkantengeschichten"

Es gibt sie, wer hätte das gedacht, im Fernsehen noch: die Langsamkeit. Gesteigert gar zur Ruhe, die von der Mattscheibe für immer verbannt schien, kommt sie vor. Man muß nur ein bißchen suchen. Um 14.15 Uhr am Sonntag laufen – beziehungweise schreiten – im ZDF die "Bettkantengeschichten", seit 2. Oktober eine neue Staffel, und da, verehrtes Publikum, finden Sie die längst Verlorengeglaubte. Ein Knabe staunt die Küken an, ein Opa fährt nach Oldenburg, eine Mama trinkt zuviel, und das alles dauert. Es dauert so lange, bis man es glaubt.

Die Halbstünder fürs Kindervolk sind Rahmengeschichten. Ein Unglück von heute – der große Bruder weiß alles besser, die Freundin knallt die Türe zu – veranlaßt einfühlende Eltern, sich zu erinnern: Haben sie das nicht auch erlebt? Damals war alles anders, und das ist interessant; damals war alles genauso, und das ist tröstlich.

Mit holder Langsamkeit spinnt die Erzählung ihr Garn und zaubert Kinder auf den Schirm, die vor zwanzig oder fünfzig Jahren ihre großen Brüder unterkriegten und verschlossene Türen öffnen lernten. Sie trugen so ganz andere Hosen und Röcke, die Haare im Nacken rasiert oder Schleifen drin, aber sie waren auf dieselbe Art unglücklich wie heute ihre Söhne und Töchter. Und sie fanden einen Ausweg.

Die erstaunlichste Leistung der "Bettkantengeschichten" ist die Kameraaktion der Kinderdarsteller. Alle Kinder spielen gern Theater, doch wie vielen gelingt es, ihre Unbefangenheit zu bewahren, wenn ein Fernsehteam zusieht? Paulchen, der von Bernd gedeckelt, Mann, die von Rieke rausgeworfen wird – sie bringen den tiefen Kummer so vortrefflich rüber, daß man sich fragt: Warum wendet man den gleichen Trick nicht bei den Großen an?

Der Trick heißt Langsamkeit. Die Atmosphäre, in der die delikaten Darstellungskünste der Kleinen zur Geltung kommen, das ist die Ruhe, mit der erzählt, eingerichtet, inszeniert wird. Da steigt ein Luftballon hoch in das Geäst eines Baumes, wir sehen ihn entschweben und so lange in der Krone verharren, bis wir Heineries Enttäuschung teilen. Da hütet ein Kerlchen so ausgiebig und umsichtig ein Hühnerei in einem Fausthandschuh, daß wir bald mit ihm auf ein Küken hoffen. Bescheiden gruppieren sich die Erwachsenen um die Knirpse, denen nicht nur bedeutende Dialogzeilen, sondern auch die Großaufnahmen vorbehalten sind. "Wirst ja schon sehen", sagt Paulchen, und er behält recht.

Langsamkeit ist nicht nur semantisch mit Langeweile verwandt; aber keine Angst, bei diesen kleinen Filmen kommt auf dialektischem Wege Kurzweil durch Ruhe zustande. Und da, wo ein Film mal abweicht, geht es schief. In "Der Hut im Wasser", dessen Rahmen schon mit mehr Tempo und komisch gemeinten Sequenzen anhebt, ersetzt die Episode von Alois und den drei Schwestern den gewohnten gravitätischen Rhythmus durch fliegende Hektik, und schon wird’s saublöd. Offenbar ist auch für Skript und Regie Langsamkeit das förderlichste Milieu.