Pünktlich zum 50. Jahrestag der Pogrome gegen die deutschen Juden, eines Rückfalls ins Mittelalter, wie man ihn sich im Europa seit der Aufklärung nicht mehr hatte vorstellen können, ist eine vorbildlich edierte und mit vielen bislang unveröffentlichten Quellen dokumentierte wissenschaftliche Gesamtdarstellung zu jenen Ereignissen erschienen:

  • Hans-Jürgen Döscher: Reichskristallnacht. Die November-Pogrome 1938

Verlag Ullstein, Berlin 1988; 198 S., 34,– DM

Bislang fußten alle Darstellungen, Presseartikel und Vorträge auf den Arbeiten von Helmut Heiber, Lionel Kochan und Hermann Graml, die bereits Ende der fünfziger Jahre entstanden sind! Graml hat das Pech, daß er soeben seine alte Darstellung mehr oder weniger unverändert in sein neues Buch "Reichskristallnacht – Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich" aufgenommen hat, einen Teilband der Reihe "Deutsche Geschichte der neuesten Zeit", auf den wir in einer gesonderten Besprechung zurückkommen werden. Döscher, bekanntgeworden durch ein aufsehenerregendes Buch über das "Auswärtige Amt im Dritten Reich", ist in die Archive beider deutschen Staaten gestiegen und hat auch wichtige Zeitzeugen befragt. Sein Fazit: "Die herkömmlichen Vorstellungen von der ‚Reichskristallnacht‘, ihren Hintergründen und Folgen werden der historischen Wirklichkeit nicht gerecht. Angeblich gesicherte Erkenntnisse sind in den Bereich der Propaganda oder der Legendenbildung zu verweisen."

1. Der Pogrom vom 10. November 1938 hatte seine Vorläufer seit 1933. Nachdem die Olympischen Spiele den deutschen Juden aus Rücksicht auf das Ausland eine Ruhepause beschert hatten, verstärkte sich der antisemitische, antikapitalistisch eingefärbte Aktionismus der Nationalsozialisten. Mit Hilfe der Einzelhändler und Gewerbetreibenden unter den Parteigenossen und SA-Männern wurde der "Volkszorn" mobilisiert, um die Judenfrage" von unten aufzurollen, damit die schwerfällig und immer noch rechtsstaatlichen Regeln verhaftete konservative Ministerialbürokratie unter Druck geriet. Ziel war schon 1937 die Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben und die "Entjudung" Deutschlands. In einem Bericht der Exil-SPD vom Juli 1938 wird zutreffend vermerkt, daß diese Judenvertreibung auch Teil der Kriegsvorbereitungen war. Andererseits waren etliche der antisemitischen Gesetze und Verordnungen rational gar nicht mehr zu erklären, nur diktiert "von einem wütenden Rassenhaß".

2. Im November 1938 wurde die Gangart verschärft. Döscher weist nach, daß weite Kreise der Bevölkerung diese Radikalisierung begrüßten oder tolerierten.

3. Schon bisher war bekannt, daß Propagandachef Goebbels den Novemberpogrom angestiftet hat. Aber Döscher widerlegt nun die Darstellung, daß SS und SD, also Himmler und Heydrich, die Ausschreitungen veranstaltet hätten. Inszeniert und improvisiert wurden diese von den Gauleitern und Kreisleitern der Nazipartei, von SA und Hitlerjugend.