Von Rolf Italiaander

Salon von Madame Rostand in Paris... Duft gepflegter Parfüms. Alte Möbel, gute Ölbilder, feine Pastelle, edle Fayencen, viel venezianisches Glas und eine Kollektion nobel gebundener Bücher. Daß es so etwas noch gibt! Der Gast aus Deutschland steht betroffen.

Madame Rostand ist die Witwe des großen Theaterdichters Edmond Rostand, den seine Versdramen als einen der überragenden Erscheinungen des neueren Welttheaters ausweisen. Da ist "Chantecler" (1910), in dem die auftretenden "Personen" die Tiere des Hühnerhofes und des Waldes sind, da ist "La Princesse lointaine" (1895) und vor allem "L’Aiglon" (1900), das Drama des vom Schicksal gezeichneten Napoleonsohnes; da ist das Drama des vielgewandten gaskognischen Haudegens "Cyrano de Bergede" (1898).

Edmond Rostand! Seit über 25 Jahren ist der Dichter tot. Aber sein guter Geist ist in Frankreich, ja in Europa noch lebendig. Und da ist nun Madame Rostand! Gebürtige Pariserin und daher weltoffen, ist sie mit ihrem Manne viel gereist. Sie spricht mehrere Sprachen. Beinahe mit allen großen Menschen ihrer Zeit hat sie Verkehr gepflegt und natürlich mit allen bedeutenden Künstlern der Jahrhundertwende. Sie ist nun alt. Sie ist klein von Statur. Sie ist dennoch eine außerordentliche Erscheinung, die Lebendigkeit, Witz, Anmut in sich vereint. Einst, als die noch Schauspielerin war, hat sie mit der besten Freundin ihres Hauses gemeinsam gespielt oder deren Rolle übernommen: Sarah Bernard. Schließlich hat Madame Rostand Versbücher geschrieben, die sogar mit einem Preis ausgezeichnet wurden, Theaterstücke, Kinderbücher. Ihr Sohn, Jean Rostand, aber ist heute einer der vorzüglichsten wissenschaftlichen Schriftsteller Frankreichs: Philosoph und Biologe, und seine Biographie Charles Darwins und seine Geschichte der Biologie, beide bei Gallimard verlegt, haben Aufsehen erregt. Sein Bruder Maurice hat, wie sein Vater, sich das Theater erobert. Ein Welterfolg wurde sein Drama "Der Mann, den sein Gewissen trieb", das seit Jahrzehnten auch im deutschen Theaterspielplan zu finden ist. Und eben jetzt soll in Amerika sein neuestes Stück "Charlotte et Maximilian" verfilmt werden. Maurice Rostands Erinnerungen "Confession d’un Demi-Siècle" sind jüngst erschienen und werden eifrig gelesen.

Es wird nicht über das Wetter gesprochen im Salon von Madame Rostand. Man bestürmt den Gast mit Fragen. Lebt Gerhart Hauptmann noch? Was ist aus Jannings geworden? Wo spielt Henry George? ... Henry George? Ach ja, Heinrich George, den Schauspieler, meinen sie, der in Rußland ... Es wird ein bißchen viel gefragt im Salon der Madame Rostand, und man kann sich nicht immer verständlich machen, da es um Einzelheiten aus Deutschland geht...

Dennoch, man spricht nicht von Politik, will offenbar nicht davon sprechen. Vergessen ist die über Paris gebreitete Unruhe. Man beschwört die Vergangenheit. "Ja, diese Medaillen sind Geschenke von Gabriel d’Annunzio... Oh, er verkehrte viel in diesem Hause... Und dieses Glas hier stammt von Ida Rubinstein. Und diese Locken von Sarah Bernard... Diese Lederbände sind die Erstausgaben von Papas Dramen. Und diese Kassette? Oh, Jugendbriefe von Jean Cocteau!

Nein, man spricht nicht von Politik im Salon von Madame Rostand. Die Hauptstadt Frankreichs ist unruhig. Und dennoch, alle Welt reist nach Paris. Thornton Wilder will kommen, auch Hemingway... Und gleichgültig, ob Paris sich bald ändert – im Haus von Madame Rostand wird nichts verwandelt sein, solange die Hausherrin lebt und wirkt als Mittelpunkt des letzten international bekannten Salons.