Wer das Wort "Reichskristallnacht" in Umlauf gebracht hat – Reichspropagandaminister Joseph Goebbels oder der Berliner Volksmund –, ist nicht mehr auszumachen. Jedenfalls ist es an Zynismus nicht zu überbieten, als ob in jener Novembernacht nur Fensterscheiben geklirrt hätten (immerhin soviel wie die halbe Jahresproduktion der belgischen Glasindustrie, von der Deutschland sein Fensterglas bezog). Über hundert deutsche Juden wurden ermordet, viele mißhandelt und verletzt. Etwa 30 000 zumeist vermögende Juden hat man für einige Wochen oder Monate in die Konzentrationslager verschleppt, wo ebenfalls mehrere hundert umgekommen sind. Die Nazis setzten mindestens 267 Synagogen und Kapellen in Brand. Achttausend Geschäfte wurden zerschlagen, ungezählte Wohnungen verwüstet und ausgeraubt.

Nach den damals geltenden Gesetzen war das Mord und Totschlag, Aufruhr und Landfriedensbruch, Freiheitsberaubung und Nötigung. "Wenn sie mit Zustimmung oder Duldung der Regierung stattfinden, dann ist Deutschland kein zivilisierter Staat", so zitierte der deutsche Botschafter in Washington das Echo in amerikanischen Gesellschaftskreisen.

Inszeniert wurden die Novemberpogrome von Joseph Goebbels, einem fanatischen Judenhasser, freilich mit Billigung Hitlers, der sich als Staatsoberhaupt und Parteichef im Hintergrund hielt. Goebbels, Reichspropagandaleiter der Nazipartei, nahm das tödliche Attentat auf den Diplomaten vom Rath als Vorwand, um beim Kameradschaftsabend der "Alten Kämpfer" im Münchner Alten Rathaussaal mit einer wüsten antisemitischen Hetzrede die Emotionen aufzuputschen. Partei- und SA-Führer verstanden seine Worte als Signal zum Handeln. Sofort eilten sie zum Telephon und alarmierten ihre Männer. Überall im Großdeutschen Reich wurden Brandstiftungen und Ausschreitungen improvisiert: "organisierte Spontaneität".

Anderes jedoch war von langer Hand geplant, so die Verhaftung von Zehntausenden reicher Juden, an deren Vermögen man heran und die man zur Auswanderung zwingen wollte. Von 520 000 deutschen Juden hatten von 1933 bis 1938 etwa 130 000 ihre Heimat verlassen. Diese Abwanderung sollte nun gewaltsam beschleunigt werden, aber vorher wollte man sich noch an den Juden schadlos halten.

Die antisemitischen Gesetze und Verordnungen vor und nach dem Pogrom bewiesen das eigentliche Motiv: die radikale wirtschaftliche Ausplünderung der deutschen Juden. Wegen der hemmungslosen Aufrüstung waren die Kassen des Reiches leer geworden. Die Enteignung der Juden, die sogenannte "Arisierung", sollte abhelfen. Man schätzte das Gesamtvermögen – Betriebsvermögen (nur 14 Prozent), Grundbesitz und Wertpapiere – auf 8,5 Milliarden Reichsmark.

Den jüdischen Bürgern – viele waren bereits verarmt, arbeitslos und zehrten von der Substanz – wurde eine "Sühneleistung" von einer Milliarde Mark auferlegt. Am Ende kassierte das Finanzamt sogar 1,127 Milliarden; dazu kamen 225 Millionen Mark Versicherungsleistungen, die eigentlich den geschädigten jüdischen Bürgern zustanden, aber nun dem Reich verfielen. Eine weitere Milliarde wurde über die Reichsfluchtsteuer eingetrieben. Denn nach den Pogromen setzte eine Massenflucht aus Deutschland ein; 115 000 Juden konnten sich noch bis Kriegsbeginn in Sicherheit bringen. Jene, die daheim blieben, hatten die Wahl zwischen drei Übeln: Freitod, Untergrund oder Deportation in die Vernichtungslager.

Nutznießer der "Arisierung" waren vor allem die Monopole und andere größere Unternehmen, auch Firmen, die in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Betriebsjubiläum begehen. Ebenso profitierten die Haus- und Grundbesitzer und die kleinen Gewerbetreibenden. Goebbels selber hatte einkalkuliert, daß bei den Plünderungen endlich einmal auch etwas für "die kleinen Leute" abfallen werde.

Das Novemberpogrom war die letzte Etappe auf dem Weg nach Auschwitz. Was den deutschen Juden bevorstand, hatte kurz danach unverhüllt das SS-Organ Schwarzes Korps verkündet: Nach ihrer Verelendung würden die Juden notgedrungen ins "politisch-kriminelle Untermenschentum" absinken. Dann müsse man die "jüdische Unterwelt" mit "Feuer und Schwert" ausrotten. Wem das noch nicht genügte, dem wurde es abermals eingehämmert: Dieses Ereignis wäre dann die "restlose Vernichtung" der deutschen Juden. Am 30. Januar 1933 schließlich droht Hitler im Reichstag für den Fall eines Krieges der "jüdischen Rasse" in ganz Europa die Vernichtung an.