Jahrestagung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler in Berlin: Der Jurist Hans-Peter Schneider fragt sich, ob wir nicht bald in ökologische Notsituationen geraten werden, in denen der demokratische Verfassungsstaat an seine Grenzen stößt. Er redet über die begrenzten Möglichkeiten rechtlicher Steuerung. Sicher, man könne dem Umweltminister ein Veto-Recht geben, nur werde es nicht viel nützen; vielversprechend hingegen scheine ihm die Einrichtung von Umwelt-Kammern bei den Gerichten. "Aber jetzt", unterbricht sich der Rechtswissenschaftler, "verliere ich mich in Einzelheiten."

"Nein, wunderbar!" ruft da Professor Melchers, ein Biologe, der Frostresistenzen aus der Kartoffel in Tomaten kreuzt. "Wunderbar. Nur so."

Seit Jahren hatte keine Jahrestagung der VDW Zulauf wie diese. Der Verband wurde 1959 – im Gefolge der "Erklärung der Göttinger Achtzehn" – von Physikern gegründet, um das Bewußtsein der Wissenschaftler für die Konsequenzen ihres Tuns zu schärfen. Er veröffentlichte Studien zur Atomrüstung, zu den Notstandsgesetzen, zur Planung und wirkte durch das intellektuelle Gewicht seiner Mitglieder. Im Gefolge der Studentenbewegung geriet er in ideologische Streitereien. Zwar haben Arbeitsgruppen der VDW auch in den achtziger Jahren noch richtungsweisende Studien zur Rüstung, zum Welthunger, zur Zerstörung der Meere und zur "Sozialverträglichkeit" von Energiesystemen erarbeitet, und VDW-Mitglieder wirkten als Sachverständige in Enquete-Kommissionen, gründeten Öko-Institute, engagierten sich in der Friedenbewegung. Aber der Verband sprach nicht mehr mit einer Stimme; der Anteil der Naturwissenschaftler sank auf ein Drittel.

"Demokratische Verantwortung für Wissenschaft – ja. Aber wie?" war der lakonische Titel der Tagung in Berlin. Die Diskussionsbeiträge zeigten zweierlei: In den letzten Jahrzehnten ist viel über die Folgeprobleme der technischen Zivilisation nachgedacht worden; aber immer noch gibt es keine parlamentarische Instanz, die Technikfolgen abzuschätzen vermag, immer noch sind die Wissenschaftler, die folgenreich über die sozialen Konsequenzen ihrer Tätigkeit nachdenken, eine Minderheit in den mächtigen Apparaten der Forschungsförderung und der Industrie.

Was soll man tun? "Mit kompensatorischer Moral ist nichts zu erreichen", sagte in Berlin der scheidende Vorsitzende Georges Fülgraff, in dessen Amtszeit sich eine leise Erneuerung des Verbandes vorbereitete, "der Geist des Ethos bleibt in der Flasche der Institutionen". Er plädierte für: viele Einzelheiten. Für die Mitwirkung an parlamentarischen Frühwarn-Systemen; für die Arbeit des VDW an einer wissenschaftspolitischen Öffentlichkeit; für die Einrichtung eines Gremiums, das neben dem – mehrheitsbedürftigen – parlamentarischen Prozeß mit Autorität zu den – wahrheitsbedürftigen – Zukunftsproblemen sich äußern kann. Aber die politische Spannweite der VDW (von Klaus Traube bis zum Siemens-Vorstandsmitglied Hermann Franz, von Robert Jungk bis zu Ordinarien alten Schlages wie Georg Melchers) setzt der eingreifenden Politik Grenzen; und ob die VDW unter ihrem neuen Vorsitzenden Ernst-Ulrich von Weizsäcker aktiv wird – und dann mit Notwendigkeit wieder in politische Turbulenzen gerät – bleibt abzuwarten.

"... denn sie tun nicht, was sie wissen." So hieß das Referat von Hans-Peter Schneider. Anders als vor dreißig Jahren sind die Umrisse der Krise bekannt: neben den radioaktiven Strahlen gehören nun das Ozonloch, der saure Regen und das Trinkwasser dazu. Der VDW fehlen Naturwissenschaftler, vor allem junge, die Lust daran entwickeln, sich in technische und politische Einzelheiten zu verlieren; die bereit sind – so die Faustformel des Physikers Hans-Peter Dürr – zehn Prozent ihrer Denkarbeit an die "Folgen zweiter Ordnung" zu verwenden. Nur so ...!

Mathias Greffrath