Von Ulrich Greiner

Unser Zorn ist verraucht, der Sommer vorbei, wir ziehen den Sessel näher zum Kamin, lehnen uns gemächlich zurück und erinnern uns: Es war furchtbar. Das Fliegen nämlich, genauer gesagt, das Nichtfliegen, also das Warten. Drei Stunden auf Kos. Es war heiß, aber es gab Stühle, und es gab Kaffee. Sechs Stunden in München. Dort war es ebenfalls heiß, aber es gab keine Stühle und keinen Kaffee. Hunderte von hohläugigen und braungebrannten Chartertouristen saßen auf Koffern, lagerten zwischen Taschen, Kinder weinten, Mütter saugten nervös an ihren Zigaretten, Väter wanderten mit stummem Blick umher wie Rilkes Panther. Ein Volk von Flüchtlingen, jäh gestrandet in München-Riem. Hinter uns die Sicherheitskontrollen, vor uns die Zufahrten der Busse, dazwischen eine Quarantäne für die nützlichen Idioten der Fluggesellschaften. Nach 14 Stunden sanken wir in die Betten und murmelten: Nie wieder!

Hier sehe ich den geneigten Leser nicken: Ja, so war es und noch viel schlimmer. Andere haben länger gewartet, haben die Nacht im Bus oder im Zug verbracht, andere, zum Beispiel in London, sind durchgedreht und haben die Pisten blockiert. Nie wieder, sagen wir alle. Natürlich werden wir im nächsten Jahr in den Süden fliegen. Vielleicht haben wir Glück, vielleicht geht es gut. Doch täuschen wir uns nicht: Selbst wenn es gutgeht, ist es nicht gut. Denn das Fliegen ist und bleibt die heruntergekommenste Art des Reisens.

Nie wurde soviel gereist wie heute. Nie gab es eine Zeit, in der die Kultur des Reisens derart darnieder lag. Von der Epoche der Bahn zu der des Autos und der des Flugzeugs: ein einziger Abstieg. Vergleichen wir nur die Bahnhöfe und Flughäfen, die Grand Central Station von New York mit dem Flughafen La Guardia, die Bahnhöfe von Mailand oder Frankfurt mit ihren Flughäfen: architektonische Glanzleistungen hier, öder Brutalismus dort. Wieviel Komfort, welche Pracht besaßen oder besitzen diese Paläste der Eisenbahn: gewaltige Hallen mit kühnen Gewölben, üppige Wartesäle, schöne Details und Ornamente. Dagegen die Flughäfen: Labyrinthe aus Stahl und Beton mit grauem Noppengummi am Boden, der den Gepäckkarren scheppern läßt, enge und triste Warteräume mit harten Plastiksitzen, abgeschmackte Werbung an den Wänden und allerorten Piktogramme für die Analphabeten.

Jeder stillgelegte deutsche Kleinstadtbahnhof ist schöner als diese Ausgeburten einer verkrüppelten Phantasie, diese architektonischen Flughafen-Desaster in Köln oder Hamburg, Düsseldorf oder Hannover. Und wo die Reise derart unästhetisch beginnt, kann sie nicht schöner vonstatten gehen. Führen wir uns vor Augen, was längst freudlose Gewohnheit ist: das Warten am Abfertigungsschalter; die lästigen Sicherheitskontrollen; das Warten im Warteraum, der ein Pferch ist; das Stehen im Bus, der beim Anfahren ordentlich ruckt, um seine Ladung zurechtzurütteln; der fluchtartige Marsch über regengepeitschte Pisten und dann das stufenweise Vorwärtsrücken auf der Treppe; das zynische Grinsen des Bordpersonals; das Gedränge im Mittelgang, hinten die Tasche des nachdrängenden Mitreisenden in den Kniekehlen, vorne den Ellbogen des Vordermanns, der sich des Mantels entledigt, in der Nase.

Endlich sitzt man. Muß ich beschreiben, wie? Jedermann kennt es. Eine Qual. Das Essen: ein artistischer Akt, hundertfach geübt und immer noch nicht perfekt beherrscht. Wie auch? Jedes Land schweißt die Folien anders zu. Einmal, ich saß am Fenster, nahm neben mir ein fetter Kirgise Platz, der rechts und links überquoll. Ein anderes Mal mußte ich (eine Dienstreise, pardon) von Bari nach Hamburg, mit Umsteigen in Rom und in München. Ein Fluglotsenstreik rumorte, die Maschinen waren überbucht, stundenlange Verspätungen seit Tagen die Regel. Es war eine Reise von Zelle zu Zelle, von Pferch zu Pferch. Kälber in einem Viehtransporter leben nicht enger. Allerdings werden sie hinterher geschlachtet. Die Fluggäste läßt man leben, man braucht sie ja noch.

Das seien bedauerliche Ausnahmen, ruft mir der Pressesprecher der Lufthansa zu. Ausnahmen? Wer unter den Lesern dieser friedfertigen Zeilen (im Flugzeug wird er sie sicherlich nicht lesen können) im letzten Vierteljahr ein einziges Mal pünktlich abgeflogen und pünktlich gelandet ist, der trete vor und schweige! Haben wir nicht gelernt, daß Fluglotsen und Streik ein und dasselbe sind? Daß Abflugzeiten ausschließlich für den Fluggast gelten und für niemanden sonst? Ob Linie oder Charter, ob Swissair oder Spantax (Gott hab sie selig): Nie war das Fliegen vergleichbar mit anderen Arten des Reisens, immer war es, wie in den frühesten Anfängen, ein Abenteuer, dessen Kosten der Passagier alleine trug. Und dieses Abenteuer wird, anders als die Kataloge es versprechen, immer trüber und nervenaufreibender zugleich.