Von Bernd Rudolph

Es gibt freundlichere Grenz-Stationen als jene festungsartigen Durchlässe, die, nach allen Regeln des Mißtrauens gebaut, organisierten und reglementierten Zugang in den anderen deutschen Staat möglich machen. Stiefmütterchen und Betonhindernisse – das im deutschen Wesen eng beieinanderwohnende Sentimentale und Brutale – markieren gleichermaßen Normalität und Ausnahmezustand. Wo Wächter ihres Amtes walten, um Flucht zu verhindern und auch die Flüchtigkeitsfehler auf den Formularen der Ein- und Ausreisenden, wo Grenzbaracken "den Charme eines galizischen Grenzbahnhofs der Jahrhundertwende" haben, ist Ort der Handlung: die Staatsgrenze der DDR.

Als Korrespondent der ARD in Ost-Berlin hat Peter Merseburger sie fast täglich passiert, die "Festung Heinrich-Heine-Straße", auf seinem Weg in die Weststadt. Privilegiert wie er nun einmal war, konnte er genauer registrieren, was bedrohlich und häßlich ist an dieser Ost-West-Passage, als die "verängstigten Westbürger", die "beflissen und servil" den Anweisungen der Ost-Beamten folgen. Hier walten Staatsorgane noch in altpreußischer Sturheit ihres Amtes.

So oder so ähnlich wie es Peter Merseburger in seinem "Grenzgänger"-Buch beschreibt, erleben die "Besuchsreisenden" ihre begrenzte Erstbegegnung mit diesem Mixtum compositum aus "la Prusse et la Saxe", wie Charles de Gaulle die DDR nannte. Er kannte seine Deutschen. Und auch bei längerer Verweildauer, so wie sie Korrespondenten und Diplomaten beschieden ist, bestätigt die alltägliche Begegnung mit dem Alltag der anderen deutschen Republik, was der Ersteindruck immerhin andeutet: Hier hat sich ein Gemeinwesen entwickelt, dessen bescheidenen Wohlstand Peter Merseburger auf eine Kombination zweier Tugenden zurückführt: "Auf sächsischen Gewerbefleiß und preußische Disziplin".

Nicht nur in dieser Aussage kommt der Autor auf den Punkt. Das hat auch seine Reportagen ausgezeichnet, die er über Land und Leute zwischen Ostseeküste und Fichtelberg seinem West-Publikum frei Haus in die Wohnzimmer lieferte, wohl wissend, daß er auch immer für ein Ost-Publikum die Republik porträtierte und ihre nicht mikrophonscheuen Bewohner interviewte. Zwischen dem dokumentierten Alltag und dem erlebten gab es kaum eine Abweichung. Das machte den Korrespondenten glaubwürdig, sie spürten seine Sympathie für die Menschen und auch seine kühle Distanz gegenüber der sozialistischen Obrigkeit mit ihren häßlichen und autoritären Zügen. Fazit seines Epilogs: "Man kann Menschen schätzen lernen und enge Freundschaften schließen – der real-sozialistische Staat ist für Zuwendung nicht gemacht." In dieser Einschätzung finden viele zusammen, die im Lauf der Zeit Erfahrungen gemacht haben mit der Republik und ihren Bürgern. Merseburgers Exkursionen in die "Nischengesellschaft" haben ihn vieles entdecken lassen, was unser DDR-Bild konkreter macht: Dies handelt von "Neubauwut und dem Umgang mit dem kulturellen Erbe", vom "Alltag der neuen Konventionen", den Menschenrechten und der "Subversivität der Poesie", von "sozialistischem Ikonenkult und Medienpriestern" und von den Problemen einer posttotalitären Gesellschaft und ihrem Verhältnis zur Perestrojka. Ein "Anspruch auf eine umfassende Darstellung und Analyse" ist damit nicht verbunden, wie der Autor im Vorwort vermerkt, aber Gestalt nimmt dieses vielen West-Bürgern immer noch unbekannte und suspekte politische Gebilde namens DDR dennoch an. Die darin handelnden Personen, sie vor allem, machen die Lektüre dieses deutschen Lesebuches zu einer erstaunlichen Begegnung mit einem vielen noch fremden Nachbarn.

Daß dieser uns bei näherem Hinsehen und geduldigem Hinhören gar nicht so fern und so fremd ist, das mag wohl auch daran liegen, daß "der marxistisch-leninistische Firnis, mit dem die SED den ganzen DDR-Alltag überzieht, so dünn, die parteilichen Floskeln so hohl, die politische Konvention so aufgesetzt" sind. Auch wenn die "Außenwelt", im Berufsleben zum Beispiel, geprägt sein mag von "real-sozialistischen Konventionen", so gibt es in der schizoiden Wirklichkeit schließlich immer noch "die Binnenwelt der Familie und der guten Freunde, in der Verstellung nicht nötig ist". Lippendienste, um nicht unangenehm aufzufallen, sind hier nicht notwendig. Zu den "Innenansichten der anderen deutschen Republik" gehört auch das, was sich nach vier Jahrzehnten auseinanderentwickelt hat. "Sicher bilden sich", schreibt Merseburger, "in dem egalitären sozialen Milieu der DDR, die ja stolz darauf ist, keine Ellenbogengesellschaft zu sein..., über die Jahre andere Verhaltensmuster und Formen sozialer Kommunikation als in der Bundesrepublik heraus." Das freilich ist noch kein hinreichendes Merkmal oder gar Beleg für die Existenz einer eigenständigen sozialistischen Nation.

Was aus Merseburgers Sicht die DDR freilich noch lange daran hindern dürfte, "bald ein zweites Österreich zu werden, das sich aus der deutschen Nation herauslöst", das ist das Fehlen der wichtigsten Voraussetzung hierfür: "die Anerkennung der DDR durch ihre eigenen Bürger, dadurch vollzogen und Tag für Tag praktiziert, daß sie frei, ohne Zwang und wie selbstverständlich diesen Staat akzeptieren und ihm die Treue halten – bei offenen Grenzen, die dann nicht mehr Festungscharakter haben müssen". Der Realist Merseburger geht von einem weiten Weg dahin aus. Die Stiefmütterchen an der "Festung Heinrich-Heine-Straße" dürften noch viele Male blühen. Unerfüllte Blütenträume gehören auch zur deutsch-deutschen Grenz-Wirklichkeit.