Von Elisabeth Wehrmann

Los Angeles

Im Herbst 1988 ist "Kristallnacht" ein seltsames Fremdwort für die Mehrzahl der Amerikaner. Vor fünfzig Jahren lebten etwa 80 000 Juden in Los Angeles. Über die Ereignisse in Deutschland meldete die Los Angeles Times am 11. November 1938 auf Seite 1: "Ausschreitungen des Nazi-Pöbels in wilden Orgien. Krieg gegen Juden breitet sich in ganz Deutschland aus trotz Aufruf von Goebbels, den Terror zu stoppen." Berichtet wird von zerstörten Synagogen, Massenverhaftungen, neuen Gesetzen über Ghettos für Juden und einer drohenden "Endlösung der jüdischen Frage".

Heute leben an die 400 000 Juden in Los Angeles. Ein Drittel von ihnen hat Familienmitglieder im Holocaust verloren. Fünfzig Jahre und zwei Generationen später sind die Meinungen über die Bedeutung der "Kristallnacht" geteilt. "Mit dem Glas zerbrach auch das Selbstverständnis der assimilierten Juden in der ganzen Welt", erklärt mir der orthodoxe Rabbi Furtner. "Die deutschen Juden, sie waren so gebildet, so gemütlich, so weise, so höflich – aber sie haben sich abgewandt von Gott, und Gott hat sie gestraft. Mit der Kristallnacht kam auch das Ende der deutsch-jüdischen Romanze, die einst mit Lessing und Moses Mendelssohn begann."

War die "Kristallnacht" vielleicht die letzte Gelegenheit für die deutsche Bevölkerung aufzustehen und nein zu sagen, wie Michael Nutkiewicz meint, oder war es der Zeitpunkt, "als die Deutschen entschlossen ja sagten – ja, wir wollen morden, brennen und zerstören, ja, diesen Spaß wollen wir uns machen", wie mir eine junge Autorin mit Tränen der Wut entgegenruft?

"Es war, so paradox es klingt, unsere Rettung",, sagt Gertrud Goetz, die als Sechsjährige in Wien erlebte, wie der Vater verhaftet, das Geschäft zerstört und die Mutter zur Strafarbeit gezwungen wurde. "Vorher hatten wir noch Hoffnung, vielleicht noch ein Zugeständnis, und es wird besser, aber nach der Kristallnacht wußten wir, dies ist die vollständige Strangulation. Die einzige Lösung war, alles aufzugeben und zu fliehen." Gertrud und Samuel Goetz gehören zu den Gründungsmitgliedern des "Club 39", einer Gruppe von 700 Überlebenden, die sich die Aufgabe gestellt hat, das Bewußtsein der nachgeborenen Generationen wach zu halten. Der Club 39 hat die finanziellen Mittel für einen Lehrstuhl für die Geschichte des Holocaust an der renommierten University of California bereitgestellt und mit Saul Friedländer einen großen Forscher und sensiblen Lehrer nach Los Angeles geholt.

Im Wiesenthal-Zentrum macht sich ein gewisser Streß angesichts der Jahrestage bemerkbar. "Wir haben unheimlich viel zu tun", sagt Dr. Margolis am Telephon, "am 30. Oktober ist der 80. Geburtstag von Simon Wiesenthal, und stellen Sie sich vor, kein geringerer als der Präsident der Vereinigten Staaten wird zum Dinner kommen. Natürlich ist das für uns ein Galaereignis, Geld zu sammeln für den Neubau des Zentrums." Für den Jahrestag der "Kristallnacht" hat Margolis eine umfangreiche historisch-didaktische Ausstellung konzipiert, die die Geschichte des Holocaust in Texten und Bildern dokumentiert. "Der Mut, sich zu erinnern" ist das zentrale Thema für den 9. November; "es geht hier um das kollektive Gedächtnis, und es wäre gut, wenn es Mittel gäbe, diese Texte zu übersetzen und die Ausstellung auch nach Deutschland zu bringen".