Der Computer ist durch und durch Rationalist. Er tut immer nur das ausdrücklich Vereinbarte, und das sklavisch genau: an einer Reihe genau definierter Symbole Schritt für Schritt eine Reihe von genau festgelegten logisch-rechnerischen Operationen auszuführen.

Wenn er des öfteren einmal wirres Zeug daherblubbert, dann nicht, weil ihn manchmal ein Anfall von Irrationalität überkäme, sondern weil die Vereinbarungen nicht eindeutig und nicht widerspruchsfrei waren oder bei ihm eintrafen, so daß er gerade als der Rationalist, der er ist, gar keine gescheite Antwort geben kann. (Und ist menschliche Irrationalität etwas völlig anderes als Ratlosigkeit angesichts des nicht zu Bewältigenden?)

Mit dem knöchernen menschlichen Rationalisten hat er auch dies gemein: Er stellt seine Rationalität bereitwillig in den Dienst der irrationalsten Sache. Vorausgesetzt, es gibt daran irgendetwas zu berechnen und zu schlußfolgern, macht er jeden Unfug gerne mit. Pedantischer Rationalismus der Methode schließt auch unter Computern schreienden Irrationalismus der Sache keineswegs aus; er macht sich gern zu dessen ergebenem Diener.

Ich schiebe also die Diskette ein, die den Biorhythmus berechnet. Als Präludium entwickeln sich wunderbare Kurven über den Bildschirm hin. Dann wird nach dem Namen gefragt und nach dem Geburtstag. Und schon steht auch ein erstes Ergebnis da: Wenn ich Snoopy hieße und am 11.11.1111 geboren wäre, dann wüßte ich jetzt, daß das ein Samstag war und ich heute exakt 319 980 Tage alt bin.

Über der nächsten Tafel steht zuvorkommend "Für Snoopy". Darunter krümmen sie sich, die beiden Rhythmen, die kurz vor der Jahrhundertwende der Berliner Nasenarzt Wilheim Fließ in allem Lebendigen zu erspüren meinte, makellose Sinuskurven, rauf-runter-rauf: die "körperliche", die vom Tag der Geburt an alle 23 Tage auf und ab schwingt; die "emotionale" mit ihrer 28-Tage-Periode; und als Zugabe gibt es sogar noch den "intellektuellen" 33-Tage-Zyklus. Da habe ich ihm meine Daten gegeben, und er gibt’s mir. Heute soll ich körperlich obenauf sein, was ich zwar nicht ahnte, aber nun schwarz auf weiß sehe, geistig an der gefährlichen Mittellinie. Da hat er mich wohl durchschaut, der Computer. Aber die Biorhythmuslehre läßt niemanden ungetröstet: Es geht immer auch wieder bergauf!

Das war alles sehr schön, nur ein bißchen kurz. Meinen Bedarf an Okkultem hat es noch lange nicht gestillt. So lade ich nunmehr ein astrologisches Programm; "Kosmogramm" heißt es. Was wird geschehen, nun da mein Computer mit dem Kosmos Fühlung aufnimmt? Eigentlich erwarte ich, daß jetzt Sphärenklänge ertönen, ein Nachthimmel sich über den Bildschirm breitet, Planeten in ihren Häusern zu kreiseln beginnen, Aszendenten aufgehen und Ephemeriden vorbeihuschen.

Doch was kommt, hat den Charme einer Steuererklärung. Name, Tag und Stunde der Geburt, Längengrad, Breitengrad... Darauf bescheidet der Computer mir mein Tierkreiszeichen, einen Haufen Planetenstellungen in Graden und Minuten und eine knappe, hübsch vieldeutige Charakterskizze, deren Tippfehlern keine Himmelsmacht vorgebeugt hat. Und er fragt: "Möchten Sie ein Horoskop erstellen?"