An diesem Freitag findet im Wiener Burgtheater die (man kann wohl sagen: mit Spannung erwartete) Uraufführung von Thomas Bernhards neuem Stück „Heldenplatz“ statt – nebst Demonstrationen, Gegendemonstrationen und Gegengegendemonstrationen. Zum nationalen Ereignis schickte uns der österreichische Journalist und Autor Günther Nenning das folgende Gedenkblatt. Nenning, Jahrgang 1921, war Chefredakteur der Zeitschrift „Neues Forum“, Kolumnist bei „profil“, Talkmaster im Osterreichischen und im Deutschen Fernsehen, Aktivist gegen das geplante Donaukraftwerk Hainburg. Es ist Nenning fernerhin gelungen, aus der SPÖ wie aus der Gewerkschaft Kunst und Medien hinausgeworfen zu werden.

Daß das Burgtheater hundert Jahre alt sei, ist eine Fehlinformation der Medien. Hundert Jahre alt ist das neue Burgtheater; wenn in Österreich was neu ist, ist es eben auch schon hundert Jahre.

Zum Unterschied vom neuen bürgerlichen Prunkgebäude an der Ringstraße, eröffnet Oktober 1888, ist das Burgtheater als bescheideneres kaiserliches Hoftheater (daher sein Name, weil es Teil der Hofburg war) seine 247 Jahre alt. Aber es wurde nichts Rechtes, ehe Claus Peymann die Direktion übernahm.

Wehe, wer der Kunst an ihre Freiheit greift, da werden wir Progressiven ganz moralisch. Wir verteidigen sie beziehungsweise ihn mit aller Entschiedenheit, ein Häuflein österreichisch Aufrechter, gegen jene österreichische Mehrheit, die – provinziell, banausisch, konservativ, klerikal, faschistoid – unseren Thomas Bernhard angreift, nur weil er uns angreift, und unsern Claus Peymann, nur weil er immer mehr Bernhard mit Wonne uns einireibt.

Unsre Kunstministerin, ein echtes Stück Sozialdemokratie, wie sie Bernhard so liebt und gleichsetzt mit Katholiken und Nazis, schrieb ihm einen lieben Brief, daß sie sich freut, daß er uns und sie und alle so beschimpft beziehungsweise was offenbar dasselbe ist, daß er ein so großer Dichter ist, was sie schätzt.

Das Schöne am Verteidigen der Freiheit der Kunst ist, daß man sich nicht damit herumzuschlagen braucht, was Kunst ist, Hauptsache sie ist frei.

Was ist Freiheit der Kunst, wenn keine Kunst ist; ist dann auch keine Freiheit? Unsinn. Wenn Freiheit ist, ist auch Kunst. Wenn aber Freiheit ist und keine Kunst, desto schlimmer für beide.